node created 2019/09/29
Vernunft erfordert Bezogenheit und Selbst-Gef├╝hl. Wenn ich nur passiver Empf├Ąnger von Eindr├╝cken, Gedanken und Meinungen bin, dann kann ich diese zwar miteinander vergleichen und sie manipulieren, aber ich kann sie nicht durschauen. Descartes leitete die Tatsache, da├č ich bin, davon ab, da├č ich denke. "Ich zweifle", so argumentierte er, "also denke ich; ich denke, also bin ich." Aber auch das Umgekehrte gilt. Nur wenn ich bin, wenn ich meine Individualit├Ąt nicht an das Man verloren habe, kann ich denken, das hei├čt, dann kann ich meine Vernunft gebrauchen.

In engem Zusammenhang hiermit steht der Mangel an Wirklichkeitssinn, der f├╝r die entfremdete Pers├Ânlichkeit kennzeichnend ist. Wenn man von einem "Mangel an Wirklichkeitssinn" beim heutigen Menschen spricht, so steht das im Widerspruch zu der weitverbreiteten Idee, da├č wir uns durch unseren gr├Â├čeren Realismus von den meisten geschichtlichen Epochen unterscheiden. Aber von unserem Realismus zu reden, kommt beinahe einer paranoide Einstellung gleich. Was sind das f├╝r Realisten, die mit Waffen spielen, welche zur Vernichtung der gesamten modernen Zivilisation, wenn nicht gar unserer Erde, f├╝hren k├Ânnen! Wenn ein einzelner bei so etwas ertappt w├╝rde, dann w├╝rde er sofort hinter Schlo├č und Riegel kommen, und wenn er sich mit seinem Realismus br├╝stete, so w├╝rden die Psychiater darin ein zus├Ątzliches, und zwar ziemlich ernstes Symptom einer kranken Seele sehen. Aber ganz abgesehen davon ist unverkennbar, da├č der heutige Mensch einen erstaunlichen Mangel an Realismus in bezug auf alle Gebiete, auf die es ankommt, aufweist; in bezug auf die Bedeutung von Leben und Tod, in bezug auf Gl├╝ck und Leiden, auf Gef├╝hle und ernsthaftes Denken. Er hat die gesamte Wirklichkeit der menschlichen Existenz zugedeckt und durch ein k├╝nstliches, verniedlichtes Bild einer Pseudowirklichkeit ersetzt - so ├Ąhnlich wie die Eingeborenen ihr Land und ihre Freiheit f├╝r glitzernde Glasperlen hergegeben haben. Er hat sich tats├Ąchlich so weit von der menschlichen Wirklichkeit entfernt, da├č er mit den Bewohnern von Brave New World sagen kann: "Wenn der einzelne f├╝hlt, ger├Ąt die Gemeinschaft ins Wanken."
"Wege aus einer kranken Gesellschaft" (1960)
Ein Mann in einem Mietshaus muss die M├Âglichkeit haben, sich aus einem Fenster zu beugen und - so weit seine H├Ąnde reichen - das Mauerwerk abzukratzen. Und es muss ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel - so weit er reichen kann - alles au├čen zu bemalen, so dass man von weitem, von der Stra├če sehen kann: Dort wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn, den einquartierten versklavten Normmenschen, unterscheidet.