node created 2019/09/29
Nicht den Tod sollte man fĂŒrchten, sondern daß man nie beginnen wird, zu leben.
"Selbstbetrachtungen"
Freunde sind vorherbestimmt; Freundschaft findet statt zwischen MĂ€nnern und Frauen, die eine intellektuelle und emotionale Zuneigung fĂŒr einander haben. Aber Kameradschaft - dieses ekstatische HochgefĂŒhl, das daherrĂŒhrt, in Kriegszeiten zur Masse zu gehören - die ist in unserer Reichweite. Wir alle können Kameraden haben. Die Gefahr der Ă€ußeren Bedrohung, die entsteht, wenn wir einen Feind haben, erzeugt keine Freundschaft; sie erzeugt Kameradschaft. Und die im Krieg tĂ€uschen sich darĂŒber, was sie durchmachen. Und deshalb werden Kameraden wieder zu Fremden fĂŒr uns, sobald die Bedrohung vorbei ist und der Krieg endet. Das ist der Grund, warum wir nach dem Krieg in Verzweiflung verfallen.

In der Freundschaft gibt es eine Vertiefung unserer Wahrnehmung unserer selbst. Wir nehmen durch einen Freund stĂ€rker war, wer wir selbst sind; wir finden uns selbst in den Augen des Freundes. Freunde bohren und fragen nach, sie fordern einander heraus vollstĂ€ndiger zu werden; bei der Kameradschaft von der Art, wie sie in patriotischem Eifer zu uns kommt, gibt es eine UnterdrĂŒckung der Selbstwahrnehmung, der Selbstkenntnis, und der Eigenverantwortlichkeit. Kameraden verlieren ihre IdentĂ€t im Krieg fĂŒr den kollektiven Rausch einer gemeinsamen Sache, eines gemeinsamen Zieles.

Bei der Kameradschaft gibt es keine AnsprĂŒche an das Selbst. Das ist Teil ihrer Anziehungskraft und einer der GrĂŒnde, warum wir sie missen und wiederherzustellen suchen. Kameradschaft erlaubt uns, den Anforderung an das Selbst zu entfliehen, die Teil der Freundschaft sind. Wenn wir uns im Krieg bedroht fĂŒhlen, sehen wir dem Tod nicht alleine ins Gesicht, sondern als Gruppe, und dies macht den Tod leichter zu ertragen. Wir adeln die Selbstaufopferung fĂŒr einander, fĂŒr die Kameraden; kurz, wir beginnen, den Tod anzubeten. Und das ist es, was der Gott des Krieges von uns verlangt.

Zum Schluß bedenke, was es bedeutet, fĂŒr einen Freund zu sterben. Es ist bewußt und schmerzhaft; es bereitet keine Ekstase. FĂŒr Freunde ist Sterben schwer und bitter. Der Dialog, den sie fĂŒhren und schĂ€tzen, wird vielleicht nie wieder fortgesetzt werden. Freunde lieben Tod und Opfer nicht auf die Art, auf die es Kameraden tun. FĂŒr Freunde ist die Aussicht des Todes erschreckend. Und das ist der Grund warum Freundschaft, oder Liebe, der stĂ€rkste Gegner des Krieges ist.
Alexander von Mazedonien und sein Maultiertreiber haben nach ihrem Tode dassselbe Schicksal erfahren. Denn entweder wurden sie in dieselben Lebenskeime der Welt aufgenommen oder der eine wie der andere unter die Atome zerstreut.
"Selbstbetrachtungen"