node created 2019/09/29
Manchmal
liebe ich
eine Zeile
eines Gedichtes
das ich geschrieben habe
als h├Ątte ich sie geschrieben

Ich wei├č sogar
ich habe sie geschrieben
Aber das hilft mir nicht
denn ich schreibe sie jetzt nicht

Die Zeile
die ich liebe
liebt mich nicht wieder
Die leichte M├Âglichkeit des Briefeschreibens mu├č - blo├č theoretisch angesehn - eine schreckliche Zerr├╝ttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erh├Ąrtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren k├Ânnen! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht ├╝ber Menschenkraft. Briefe schreiben aber hei├čt, sich vor den Gespenstern entbl├Â├čen, worauf sie gierig warten. Geschriebene K├╝sse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerh├Ârt. Die Menschheit f├╝hlt das und k├Ąmpft dagegen, sie hat, um m├Âglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den nat├╝rlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und st├Ąrker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.
Brief an Milena Jesensk├í, M├Ąrz 1922
Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher f├╝r jeden Bi├č. Ich glaube, man sollte ├╝berhaupt nur solche B├╝cher lesen, die einen bei├čen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Sch├Ądel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns gl├╝cklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, gl├╝cklich w├Ąren wir eben auch, wenn wir keine B├╝cher h├Ątten, und solche B├╝cher, die uns gl├╝cklich machen, k├Ânnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die B├╝cher, die auf uns wirken wie ein Ungl├╝ck, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in W├Ąlder versto├čen w├╝rden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch mu├č die Axt sein f├╝r das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.
Brief an Oskar Pollak, 27. Januar 1904
Das Sch├Âne an solchen Briefen ist, da├č sie am Schlu├č nach vorne hin unwahr werden. Mir ist jetzt viel leichter als am Anfang.