node created 2019/09/29
Unter den Marken des Syndikalismus und Faschismus erscheint zum ersten Mal in Europa ein Menschentypus, der darauf verzichtet, GrĂŒnde anzugeben und recht zu haben, der sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen. Das ist neu: das Recht darauf, nicht recht zu haben, Grundlosigkeit als Grund. Die neue Einstellung der Masse manifestiert sich nach meiner Meinung am sinnfĂ€lligsten in ihrem Anspruch, die Gesellschaft zu fĂŒhren, ohne dazu fĂ€hig zu sein. Aber wenn die Struktur der neuen Seele auch nirgends so grob und unverhĂŒllt zutage tritt wie in ihrem politischen Gebaren, der SchlĂŒssel liegt doch in ihrer geistigen Absperrung. Der durschnittliche Mensch entdeckt "Gedanken" an sich, aber er kann nicht denken. Er ahnt nicht einmal, wie scharf und rein die Luft ist, in der Gedanken leben. Er will "meinen", aber er will die Bedingungen und Vorraussetzungen alles Meinens nicht anerkennen. Darum sind seine Gedanken in Wahrheit nur Triebe in logischer Verkleidung.
"Der Aufstand der Massen"
Echtes ehren, Schlechtem wehren, Schweres ĂŒben, Schönes lieben.
Was an dir Berg war
Haben sie geschleift
Und dein Tal
SchĂŒttete man zu
Über dich fĂŒhrt
Ein bequemer Weg
Manchmal
liebe ich
eine Zeile
eines Gedichtes
das ich geschrieben habe
als hÀtte ich sie geschrieben

Ich weiß sogar
ich habe sie geschrieben
Aber das hilft mir nicht
denn ich schreibe sie jetzt nicht

Die Zeile
die ich liebe
liebt mich nicht wieder
Hier auf dem MĂŒnsterplatz erlaubt sich der Wind so lustige Witze, daß man dumm wĂ€re, wenn man nicht lachen wĂŒrde. Und wenn ich hinausgehe, dann macht er mir meine ganze Frisur (an der ja ohnehin nicht viel ist) zuschanden. Da bekommst Du richtig Lust zum Springen und Mittun. Schade, daß ich die Zeit nicht habe.

Hoffentlich kommt er auch zu Dir, der Wind, und holt Dich ein bißchen hinaus, daß Du gar nicht mehr anders kannst als Dich freuen, am Wind und an Dir, weil Du es bist, an dem der Wind so herrliche GefĂŒhle auslöst. Das kriegt er bestimmt fertig, paß einmal auf.

[..]

Wenn du eine Wut auf mich hast, dann hab sie ruhig, aber schrei sie dem Wind oder auch mir zu, und drĂŒck sie nicht so in Dich hinein.
Brief an Fritz Hartnagel, 12.11.1940
Der Grundsatz des »geringeren Übels« ist der Grundsatz der Verzweiflung. Meist zieht es die Sache nur solange hinaus, bis das grĂ¶ĂŸere Übel den Sieg davontrĂ€gt. Wenn man das zu tun wagt, was recht und menschlich ist, und wenn man an die Macht der Stimme der HumanitĂ€t und Wahrheit glaubt, dann geht man ein geringeres Risiko ein, als wenn man sich auf den sogenannten Realismus des Opportunismus verlĂ€ĂŸt.

[..]

Ich glaube, daß es fĂŒr uns heute nur eine entscheidende Frage gibt: die nach Krieg oder Frieden. Der Mensch kann leicht alles Leben auf unserer Erde vernichten oder alle Zivilisation und alle Werte bei den Übriggebliebenen zerstören und eine barbarische, totalitĂ€re Organisation aufbauen, die den Rest der Menschheit beherrscht. Sich dieser Gefahr bewußt zu werden und die DoppelzĂŒngigkeit zu durchschauen, deren man sich ĂŒberall bedient, um zu verhindern, daß die Menschen den Abgrund sehen, auf den sie sich zubewegen, ist unsere einzige Verpflichtung, das einzige moralische und intellektuelle Gebot, das wir heute zu respektieren haben. Tun wir es nicht, so sind wir alle zum Untergang verurteilt. Sollten wir alle bei einer atomaren Massenvernichtung umkommen, so wird das nicht daran liegen, daß der Mensch nicht fĂ€hig war, menschlich zu werden, oder daß er von Natur aus böse ist; es wird daran liegen, daß der Konsens der Dummheit ihn daran hinderte, die Wirklichkeit zu sehen und sich dementsprechend zu verhalten.
Polizeigewalt betrifft alle. Auch wenn es MinoritÀten zuerst trifft.
Leben wie ein Baum, einzeln und frei
doch brĂŒderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Spruch

Laß die wilden Tiere
in Ruh:
Keines mordet
wie du

Dialog in hundert Jahren

Der eine sagt:
"Wie schön
das gewesen sein muss
als wir noch an Pest
und an Syphilis
an Scharlach
an Lungenschwindsucht und
an Krebs
an Herzverfettung
und Schlagfluss
verreckten wie Tiere!"
Der andere fragt ihn:
"Sag was waren das, Tiere?"
Es gibt in unserer Gesellschaft eine weitverbreitete Furch zu urteilen, was ĂŒberhaupt nichts zu tun hat mir jenem "Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet", und wenn diese Furcht meint, niemand solle "den ersten Stein werfen", dann trifft es die Sache nicht. Denn hinter der Abneigung, ĂŒber die Taten anderer zu urteilen, lauert der Verdacht, dass eigentlich niemand ein frei handelndes Wesen ist, und somit der Zweifel, ob ĂŒberhaupt jemand fĂŒr sein Tun verantwortlich ist oder zumindest fĂŒr seine Taten einstehen kann. Jeder, der auch nur beilĂ€ufig moralische Fragen aufwirft, findet sich sofort konfrontiert mit einem erschreckenden Mangel an Selbstvertrauen und Stolz und mit einer vorgetĂ€uschten Bescheidenheit, die mit "Wer bin ich, dass ich richte?" sagen will: Wir sind alle gleich, gleichermaßen schlecht, und jene, die versuchen, halbwegs anstĂ€ndig zu bleiben, sind entweder Heilige oder Heuchler, und beide sollten uns in Ruhe lassen. Daher kommt es immer genau dann zu einem Aufschrei, wenn jemand an einer bestimmten Person eine ganz besondere Schuld festmacht, anstatt die Schuld fĂŒr alle Taten bei geschichtlichen Bedingungen und dialektischen Bewegungen zu suchen, kurz: bei einer geheimnisvollen Notwendigkeit, welche sich hinter dem RĂŒcken der Menschen vollzieht und alles, was sie tun, mit einer tieferen Bedeutung auflĂ€dt.
"Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?"
Wir urteilen ĂŒber Vergangenes, nicht um Recht zu haben, sondern um -- aus den Verstrickungen der Zeit befreit -- die Dinge fĂŒr die Zukunft zu bedenken.

An der Gleichschaltung 1933 könne man den Zusammenbruch des persönlichen Urteilsvermögens studieren, so Arendt. Sobald man heutzutage an einer bestimmten Person eine besondere Schuld festmache, anstatt die Schuld fĂŒr alle Taten bei geschichtlichen Bedingungen und dialektischen Bewegungen zu suchen, wer man angegriffen; und wer immer auch nur beilĂ€ufig moralische Fragen aufwerfe, sei mit einem erschreckenden Mangel an Selbstvertrauen und Stolz konfrontiert. Stolz aber ist, in den Worten von Isak Dinesen, "Der Glaube an die Idee, die Gott hatte, als er uns schuf. Ein stolzer Mensch trachtet danach, im Lichte dieser Idee zu leben und sie zu verwirklichen."

Indem wir ĂŒber eine Geschichte nachdenken, sie uns und anderen immer neu erzĂ€hlen und auf diese Weise, nachdem sie zu einem Ende gekommen ist, anfangen, "krĂ€ftig ins Urteilen" zu kommen, hört die Geschichte auf, eine Folge nackter Ereignisse zu sein. Die Tatsachen, und seien sie noch so grausam, mĂŒssen bewahrt werden, nicht, damit wir nicht vergessen, sondern damit wir urteilen können. Schließlich ist es die FĂ€higkeit zu urteilen, die uns zum Handeln befĂ€higt. Denn jede menschliche Tat ist ja eine Entscheidung. "Hinter der Abneigung zu urteilen", so heißt es in dem hier abgedruckten Vortrag, "lauert der Verdacht, dass eigentlich niemand mehr ein frei handelndes Wesen ist."
QuarantĂ€ne-HĂ€user sprießen
Ärzte, Betten ĂŒberall,
Forscher forschen, Gelder fließen -
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht beenden
das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken vor den StrÀnden
und dass Kinder schreiend liegen
in den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.
Was muss die Politik jetzt tun?

Sie muss sich schonungslos von Rechtsradikalen abgrenzen. Die Grenze muss schon bei Rassismus gezogen werden. Denn Rassisten haben durch die sozialen Netzwerke das GefĂŒhl, einer Mehrheit anzugehören. Rechtsradikale Ideologien und Rassismus dĂŒrfen kein normaler Teil des politischen Diskurses werden. DafĂŒr muss man auch Menschen ausgrenzen.
Wir wollen uns nicht als MĂ€rtyrer fĂŒhlen, obwohl wir manchmal Grund dazu hĂ€tten. Denn die Reinheit unserer Gesinnung lassen wir uns von niemanden antasten. Unsere innere Kraft und StĂ€rke ist unsere stĂ€rkste Waffe.
27. November 1937
Ich glaube, es ist schon ein Unterschied zwischen Vorbestimmen und Vorauswissen. Vorbestimmung lĂ€sst sich fĂŒr mich viel schwerer, fast gar nicht eigentlich, mit dem freien Willen vereinbaren. Vorherwissen viel eher, obwohl es noch unbegreifliches Geheimnis bleibt. Übrigens ist „Vorherwissen“ menschlich gesprochen, da Gott ja nicht an unsre Zeit gebunden ist, man mĂŒsste die Vorsilbe „Vorher“ streichen und nur Wissen sagen.
12. Januar 1943
Die PrĂ€destination und der freie Wille, diese beiden anscheinend nicht vereinbaren GegensĂ€tze – jetzt machen sie mir eigentlich nicht mehr viele Schmerzen, obwohl ich sie so wenig erklĂ€ren kann wie vorher. Dass Gott allwissend ist, daran glaube ich, und die notwendige Folgerung daraus ist, dass er auch von jedem einzelnen weiß, was nach der Zeit ist. Dies verlangt auch seine Eigenschaft als unendlicher Gott. Meinen freien Willen fĂŒhle ich, wer kann ihn mir beweisen!
12. Januar 1943
Ich kann es nicht verstehen, wie heute „fromme“ Leute fĂŒrchten um die Existenz Gottes, weil die Menschen seine Spuren mit Schwert und schĂ€ndlichen Taten verfolgen. Als habe Gott nicht die Macht (ich spĂŒre, wie alles in seiner Hand liegt), die Macht. FĂŒrchten bloß muss man um die Existenz der Menschen, weil sie sich von Ihm abwenden, der ihr Leben ist.
9. August 1942
Viele Menschen glauben von unserer Zeit, dass sie die letzte sei. All die schrecklichen Zeichen könnten es glauben machen. Aber ist dieser Glaube nicht von nebensĂ€chlicher Bedeutung? Denn muss nicht jeder Mensch, einerlei in welcher Zeit er lebt, dauernd damit rechnen, im nĂ€chsten Augenblick von Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden? Weiß ich denn, ob ich morgen frĂŒh noch lebe?
9. August 1942
Um ein mitleidiges Herz bitte ich, wie könnte ich sonst lieben? O, da ich in allem so seicht bin, muss ich alles erbitten. Ein Kind kann mitleiden, aber ich vergesse oft die Schmerzen, die mich doch erdrĂŒcken mĂŒssten, die Schmerzen der Menschen. Und meine ohnmĂ€chtige Liebe lege ich in Deine Hand, damit sie mĂ€chtig wird.
6. August 1942