node created 2019/09/29
Wir urteilen ├╝ber Vergangenes, nicht um Recht zu haben, sondern um -- aus den Verstrickungen der Zeit befreit -- die Dinge f├╝r die Zukunft zu bedenken.

An der Gleichschaltung 1933 k├Ânne man den Zusammenbruch des pers├Ânlichen Urteilsverm├Âgens studieren, so Arendt. Sobald man heutzutage an einer bestimmten Person eine besondere Schuld festmache, anstatt die Schuld f├╝r alle Taten bei geschichtlichen Bedingungen und dialektischen Bewegungen zu suchen, wer man angegriffen; und wer immer auch nur beil├Ąufig moralische Fragen aufwerfe, sei mit einem erschreckenden Mangel an Selbstvertrauen und Stolz konfrontiert. Stolz aber ist, in den Worten von Isak Dinesen, "Der Glaube an die Idee, die Gott hatte, als er uns schuf. Ein stolzer Mensch trachtet danach, im Lichte dieser Idee zu leben und sie zu verwirklichen."

Indem wir ├╝ber eine Geschichte nachdenken, sie uns und anderen immer neu erz├Ąhlen und auf diese Weise, nachdem sie zu einem Ende gekommen ist, anfangen, "kr├Ąftig ins Urteilen" zu kommen, h├Ârt die Geschichte auf, eine Folge nackter Ereignisse zu sein. Die Tatsachen, und seien sie noch so grausam, m├╝ssen bewahrt werden, nicht, damit wir nicht vergessen, sondern damit wir urteilen k├Ânnen. Schlie├člich ist es die F├Ąhigkeit zu urteilen, die uns zum Handeln bef├Ąhigt. Denn jede menschliche Tat ist ja eine Entscheidung. "Hinter der Abneigung zu urteilen", so hei├čt es in dem hier abgedruckten Vortrag, "lauert der Verdacht, dass eigentlich niemand mehr ein frei handelndes Wesen ist."
Obgleich wir wissen, da├č die nationalsozialistische Macht milit├Ąrisch gebrochen werden mu├č, suchen wir eine Erneuerung des schwerverwundeten deutschen Geistes von innen her zu erreichen. Dieser Wiedergeburt mu├č aber die klare Erkenntnis aller Schuld, die das deutsche Volk auf sich geladen hat, und ein r├╝cksichtsloser Kampf gegen Hitler und seine allzuvielen Helfershelfer, Parteimitglieder, Quislinge usw. vorausgehen. Mit aller Brutalit├Ąt mu├č die Kluft zwischen dem besseren Teil des Volkes und allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenh├Ąngt, aufgerissen werden. F├╝r Hitler und seine Anh├Ąnger gibt es auf dieser Erde keine Strafe, die ihren Taten gerecht w├Ąre.

Aber aus Liebe zu kommenden Generationen mu├č nach Beendigung des Krieges ein Exempel statuiert werden, da├č niemand auch nur die geringste Lust je versp├╝ren sollte, ├ähnliches aufs neue zu versuchen. Verge├čt auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf da├č keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach diesen Scheu├člichkeiten die Fahne zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen w├Ąre!
Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben.