node created 2019/09/29
Nur dadurch, dass die Menschen alle Kr├Ąfte spannen und einander liebend helfen, erhalten sie sich in einer leidlichen H├Âhe ├╝ber einer h├Âllischen Tiefe, nach der sie wollen. Untereinander sind sie durch Seile verbunden, und b├Âs ist es schon, wenn sich um einen die Seile lockern und er ein St├╝ck tiefer sinkt als die andern in den leeren Raum, und gr├Ą├člich ist es, wenn die Seile um einen rei├čen und er jetzt f├Ąllt. Darum soll man sich an die andern halten. Ich habe die Vermutung, dass die M├Ądchen uns oben halten, weil sie so leicht sind, darum m├╝ssen wir die M├Ądchen lieb haben und darum sollen sie uns lieb haben.
Brief an Oskar Pollak, 20. Dezember 1903
Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was wei├čt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was wei├č ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen w├╝rde und weinen und erz├Ąhlen, was w├╝sstest Du von mir mehr als von der H├Âlle, wenn Dir jemand erz├Ąhlt, sie ist hei├č und f├╝rchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrf├╝rchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur H├Âlle.
Heil sei allen, die sich lieben! Fluch denen, die nie Liebe f├╝hlten und schwersten Fluch jenen, die die Liebe anderer hindern!
"Pompeji" von August Mau (1900)
Sie werden ihres Hassens und W├╝tens satt und haben auf einsamer Strasse Licht-Gesichte, die ihnen zureden: "Warum nicht endlich lieben!" Es gibt eine so s├╝├če Wut der Liebe.
Das Verlangen nach Gegenliebe ist nicht das Verlangen der Liebe, sondern der Eitelkeit und Sinnlichkeit.
Alle Kreaturen jagen Gott mit ihrer Liebe, denn es ist kein Mensch so unselig, dass er aus Bosheit s├╝ndigte; sondern er tut es um seiner Lustgier willen. Es schl├Ągt einer einen tot; das tut er nicht, um etwas B├Âses zu tun, sondern es d├╝nkt ihn, er selbst k├Ąme, solange jener lebt, nimmer in sich selbst zum Frieden; darum will er in Frieden Lust suchen, denn Friede bringt Freude. So jagt alle Kreatur Gott mit ihrer Liebe, denn Gott ist die Liebe. So begehren alle Kreaturen der Liebe. W├Ąre ein Stein vern├╝nftig, er m├╝sste Gott mit seiner Liebe jagen. Wer einen Baum fragte, warum er seine Frucht tr├Ągt, wenn er Vernunft h├Ątte, spr├Ąche er: dass ich mich in der Frucht erneuere, das tue ich, um mich von neuem meinem Ursprung zu n├Ąhern; denn dem Ursprung nahe sein, das ist lustvoll. Gott ist der Ursprung und ist Lust und Liebe.
Ich dachte manchmal, wenn ich mich im Freien erging, der Mensch k├Ânne mit der Zeit dazu kommen, dass er Gott zwingen kann. W├Ąre ich hier oben und spr├Ąche zu ihm: ┬╗Komm herauf!┬ź das w├Ąre schwer. Aber spr├Ąche ich: ┬╗Setz dich hier nieder!┬ź das w├Ąre leicht. So tut Gott. Wenn der Mensch sich dem├╝tigt, so kann Gott in seiner G├╝te sich nicht enthalten, er muss sich neigen und in den dem├╝tigen Menschen ergiessen, und dem Allergeringsten gibt er sich mit seinem Allermeisten und gibt sich ganz und gar. Was Gott gibt, das ist sein Wesen, und sein Wesen ist seine G├╝te, und seine G├╝te ist seine Liebe. Alles Leid und alle Freude kommt von der Liebe.
"Von Gott und der Welt"
Freunde sind vorherbestimmt; Freundschaft findet statt zwischen M├Ąnnern und Frauen, die eine intellektuelle und emotionale Zuneigung f├╝r einander haben. Aber Kameradschaft - dieses ekstatische Hochgef├╝hl, das daherr├╝hrt, in Kriegszeiten zur Masse zu geh├Âren - die ist in unserer Reichweite. Wir alle k├Ânnen Kameraden haben. Die Gefahr der ├Ąu├čeren Bedrohung, die entsteht, wenn wir einen Feind haben, erzeugt keine Freundschaft; sie erzeugt Kameradschaft. Und die im Krieg t├Ąuschen sich dar├╝ber, was sie durchmachen. Und deshalb werden Kameraden wieder zu Fremden f├╝r uns, sobald die Bedrohung vorbei ist und der Krieg endet. Das ist der Grund, warum wir nach dem Krieg in Verzweiflung verfallen.

In der Freundschaft gibt es eine Vertiefung unserer Wahrnehmung unserer selbst. Wir nehmen durch einen Freund st├Ąrker war, wer wir selbst sind; wir finden uns selbst in den Augen des Freundes. Freunde bohren und fragen nach, sie fordern einander heraus vollst├Ąndiger zu werden; bei der Kameradschaft von der Art, wie sie in patriotischem Eifer zu uns kommt, gibt es eine Unterdr├╝ckung der Selbstwahrnehmung, der Selbstkenntnis, und der Eigenverantwortlichkeit. Kameraden verlieren ihre Ident├Ąt im Krieg f├╝r den kollektiven Rausch einer gemeinsamen Sache, eines gemeinsamen Zieles.

Bei der Kameradschaft gibt es keine Anspr├╝che an das Selbst. Das ist Teil ihrer Anziehungskraft und einer der Gr├╝nde, warum wir sie missen und wiederherzustellen suchen. Kameradschaft erlaubt uns, den Anforderung an das Selbst zu entfliehen, die Teil der Freundschaft sind. Wenn wir uns im Krieg bedroht f├╝hlen, sehen wir dem Tod nicht alleine ins Gesicht, sondern als Gruppe, und dies macht den Tod leichter zu ertragen. Wir adeln die Selbstaufopferung f├╝r einander, f├╝r die Kameraden; kurz, wir beginnen, den Tod anzubeten. Und das ist es, was der Gott des Krieges von uns verlangt.

Zum Schlu├č bedenke, was es bedeutet, f├╝r einen Freund zu sterben. Es ist bewu├čt und schmerzhaft; es bereitet keine Ekstase. F├╝r Freunde ist Sterben schwer und bitter. Der Dialog, den sie f├╝hren und sch├Ątzen, wird vielleicht nie wieder fortgesetzt werden. Freunde lieben Tod und Opfer nicht auf die Art, auf die es Kameraden tun. F├╝r Freunde ist die Aussicht des Todes erschreckend. Und das ist der Grund warum Freundschaft, oder Liebe, der st├Ąrkste Gegner des Krieges ist.
Mag immerhin jemand kampfge├╝bter sein, nur sei er nicht menschliebender als du, nicht anspruchsloser, nicht ergebener bei allen Begegnissen, nicht nachsichtsvoller bei den Verirrungen seiner Nebenmenschen.
"Selbstbetrachtungen"
Die Eltern haben eben f├╝r die Kinder nur die tierische, sinnlose, sich mit dem Kinde immerfort verwechselnde Liebe, der Erzieher hat f├╝r das Kind Achtung, und das ist im Erziehungssinn unvergleichbar mehr, selbst wenn keine Liebe mitsprechen sollte. Ich wiederhole: im Erziehungssinn; denn wenn ich die Elternliebe eine tierisch sinnlose nenne, so ist das an sich keine Minderbewertung, sie ist ein ebenso unerforschliches Geheimnis wie die kunstvoll sch├Âpferische Liebe des Erziehers, nur in Hinsicht der Erziehung allerdings kann diese Minderbewertung gar nicht gro├č genug sein. Wenn sich N. eine Henne nennt, so hat sie ganz recht, jede Mutter ist es im Grunde, und die, welche es nicht ist, ist entweder eine G├Âttin oder aber wahrscheinlich ein krankes Tier. Nun will aber diese Henne N. nicht H├╝hnchen, sondern Menschen zu Kindern haben, darf also ihre Kinder nicht allein erziehen.
Brief an Elli Hermann (Herbst 1921)
Die Liebe, die pl├Âtzlich entsteht, heilt am schwersten.
[..] meine Liebe zu Dir ist gr├Â├čer als ich, und mehr von mir bewohnt als da├č sie in mir wohnte, und hat auch einen schlechten Halt an meinem unsicheren Wesen [..]