node created 2019/09/29
Eine Welt, die Platz f├╝r die ├ľffentlichkeit haben soll, kann nicht nur f├╝r eine Generation errichtet oder nur f├╝r die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen ├╝bersteigen.
"Vita Activa"
Aber das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferner und lange: Sagen wir die Wahrheit.
[..] wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen w├Ąre, w├Ąre es eine Lust zu leben. Dies ist's aber auf jeden Fall. Der Meinung war ich sogar in Gurs, wo ich mir die Frage [ob man sich das Leben nehmen solle] ernsthaft vorlegte und spa├čhaft beantwortete.
Brief an Kurt Blumenfeld (1952)
Der Mut befreit von der Sorge um das Leben, f├╝r die Freiheit der Welt. Des Mutes bedarf es, weil es in der Politik prim├Ąr niemals um das Leben, sondern immer um die Welt geht, die so oder anders aussehen, so oder anders uns ├╝berdauern soll.
"Freiheit und Politik"
Du kannst auf dieser Welt nur leben, wenn Du sie zu Deiner Geliebten machst. Sie mit diesen Wundern und Grausamkeiten annimmst und zwischen beiden das Gleichgewicht findest. Sonst wirst Du sie nicht so verlassen k├Ânnen, wie Du es vorhast - laut lachend auf einem silbernen Vogel fliegend und bis zum Rand erf├╝llt mit allem, was sie Dir zu bieten hatte.
"W├Ârterbuch der Lebenskunst"
N├Âtiger w├Ąre ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und leben ohne Gott, dazu kann niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich nach vollkommenem Leben fragen, davon k├Ânnte er mir nichts sagen. Wohin sollte ich daf├╝r gehen? Allzumal nirgends anders als in eine nackte entledigte Natur: die k├Ânnte mir kund tun, wonach ich sie in Ehrfurcht fragte. Leute, was sucht ihr an dem toten Gebein? Warum sucht ihr nicht das lebendige Heil, das euch ewiges Leben geben kann? Denn der Tote hat weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte ein Engel Gott ohne Gott suchen, so suchte er ihn nirgends anders als in einer entledigten nackten abgeschiedenen Kreatur. Alle Vollkommenheit liegt daran, dass man Armut und Elend und Schmach und Widerw├Ąrtigkeit und alles, was dir zustossen und dich bedr├╝cken kann, willig, fr├Âhlich, frei, begierig und bereit und unbewegt leiden kann und bis an den Tod dabei bleiben ohne alles Warum.
Nicht den Tod sollte man f├╝rchten, sondern da├č man nie beginnen wird, zu leben.
"Selbstbetrachtungen"
Freunde sind vorherbestimmt; Freundschaft findet statt zwischen M├Ąnnern und Frauen, die eine intellektuelle und emotionale Zuneigung f├╝r einander haben. Aber Kameradschaft - dieses ekstatische Hochgef├╝hl, das daherr├╝hrt, in Kriegszeiten zur Masse zu geh├Âren - die ist in unserer Reichweite. Wir alle k├Ânnen Kameraden haben. Die Gefahr der ├Ąu├čeren Bedrohung, die entsteht, wenn wir einen Feind haben, erzeugt keine Freundschaft; sie erzeugt Kameradschaft. Und die im Krieg t├Ąuschen sich dar├╝ber, was sie durchmachen. Und deshalb werden Kameraden wieder zu Fremden f├╝r uns, sobald die Bedrohung vorbei ist und der Krieg endet. Das ist der Grund, warum wir nach dem Krieg in Verzweiflung verfallen.

In der Freundschaft gibt es eine Vertiefung unserer Wahrnehmung unserer selbst. Wir nehmen durch einen Freund st├Ąrker war, wer wir selbst sind; wir finden uns selbst in den Augen des Freundes. Freunde bohren und fragen nach, sie fordern einander heraus vollst├Ąndiger zu werden; bei der Kameradschaft von der Art, wie sie in patriotischem Eifer zu uns kommt, gibt es eine Unterdr├╝ckung der Selbstwahrnehmung, der Selbstkenntnis, und der Eigenverantwortlichkeit. Kameraden verlieren ihre Ident├Ąt im Krieg f├╝r den kollektiven Rausch einer gemeinsamen Sache, eines gemeinsamen Zieles.

Bei der Kameradschaft gibt es keine Anspr├╝che an das Selbst. Das ist Teil ihrer Anziehungskraft und einer der Gr├╝nde, warum wir sie missen und wiederherzustellen suchen. Kameradschaft erlaubt uns, den Anforderung an das Selbst zu entfliehen, die Teil der Freundschaft sind. Wenn wir uns im Krieg bedroht f├╝hlen, sehen wir dem Tod nicht alleine ins Gesicht, sondern als Gruppe, und dies macht den Tod leichter zu ertragen. Wir adeln die Selbstaufopferung f├╝r einander, f├╝r die Kameraden; kurz, wir beginnen, den Tod anzubeten. Und das ist es, was der Gott des Krieges von uns verlangt.

Zum Schlu├č bedenke, was es bedeutet, f├╝r einen Freund zu sterben. Es ist bewu├čt und schmerzhaft; es bereitet keine Ekstase. F├╝r Freunde ist Sterben schwer und bitter. Der Dialog, den sie f├╝hren und sch├Ątzen, wird vielleicht nie wieder fortgesetzt werden. Freunde lieben Tod und Opfer nicht auf die Art, auf die es Kameraden tun. F├╝r Freunde ist die Aussicht des Todes erschreckend. Und das ist der Grund warum Freundschaft, oder Liebe, der st├Ąrkste Gegner des Krieges ist.
Den Augenblick immer als den h├Âchsten Brennpunkt der Existenz, auf den die ganze Vergangenheit nur vorbereitete, ansehen und genie├čen, das w├╝rde Leben hei├čen!
Alexander von Mazedonien und sein Maultiertreiber haben nach ihrem Tode dassselbe Schicksal erfahren. Denn entweder wurden sie in dieselben Lebenskeime der Welt aufgenommen oder der eine wie der andere unter die Atome zerstreut.
"Selbstbetrachtungen"
"Je eher und sch├Âner das Leben Vergeuden, desto besser" schreiben Sie. Mag es so sein, wenn sie wollen. Aber glauben sie mir, mit Fieber wird das Leben nicht "sch├Ân" vergeudet, ja nicht einmal "eher". Ich bin hier nicht in einem eigentlichen Sanatorium, in einem Sanatorium mag der Eindruck noch viel st├Ąrker sein, aber auch hier sehe ich, wenn ich mich umschaue, nichts von sch├Âner und schneller Vergeudung, man vergeudet nicht, man wird vergeudet. Und dagegen kann man sich mit ihrer frischen Jugend wunderbar wehren und das m├╝ssen Sie. Vorausgesetzt, da├č ├╝berhaupt ein Angriff vorliegt, was ich nicht wei├č und gern nicht glauben will. Aber wenn wirkliches Fieber da ist, regelm├Ą├čig 37┬░ oder dar├╝ber, mit dem Thermometer im Mund gemessen, dann m├╝ssen sie sofort zum Arzt, das ist doch selbstverst├Ąndlich. Dann fort mit Robinson, vorl├Ąufig wenigstens, auch Robinson wurde, als er einmal Fieber hatte, von einem Schiff abgeholt und erst als er wieder zuhause gesund geworden war, durfte er wieder wegfahren und wieder Robinson werden. In seinem Buch hat er dann dieses Kapitel gestrichen, weil er sich gesch├Ąmt hat, aber um seine Gesundheit war er jedenfalls sehr besorgt, und was der gro├če Robinson durfte, wird wohl auch die kleine Minze d├╝rfen.
Brief an Minze (M├Ąrz 1921)