node created 2019/09/29
Das Schöne an solchen Briefen ist, daß sie am Schluß nach vorne hin unwahr werden. Mir ist jetzt viel leichter als am Anfang.
Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehn - eine schreckliche ZerrĂŒttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhĂ€rtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht ĂŒber Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblĂ¶ĂŸen, worauf sie gierig warten. Geschriebene KĂŒsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fĂŒhlt das und kĂ€mpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natĂŒrlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stĂ€rker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.
Brief an Milena JesenskĂĄ, MĂ€rz 1922