node created 2019/09/29
Die Menschen werden an sich und anderen irre, weil sie die Mittel als Zweck behandeln, da denn vor lauter TÀtigkeit gar nichts geschieht, oder vielleicht gar das WiderwÀrtige.
Die Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken ĂŒber das Gelesene.
Er hat viele Richter, sie sind wie ein Heer von Vögeln, das in einem Baum sitzt. Ihre Stimmen gehen durcheinander, die Rang- und ZustĂ€ndigkeitsfragen sind nicht zu entwirren, auch werden die PlĂ€tze fortwĂ€hrend gewechselt. Einzelne erkennt man aber doch wieder heraus, zum Beispiel einen, welcher der Meinung ist, man mĂŒsse nur einmal zum Guten ĂŒbergehn und sei schon gerettet ohne RĂŒcksicht auf die Vergangenheit und sogar ohne RĂŒcksicht auf die Zukunft. Eine Meinung, die offenbar zum Bösen verlocken muß, wenn nicht die Auslegung dieses Übergangs zum Guten sehr streng ist. Und das ist sie allerdings, dieser Richter hat noch nicht einen einzigen Fall als ihm zugehörig anerkannt. Wohl aber hat er eine Menge Kandidaten um sich herum, ein ewig plapperndes Volk, das ihm nachĂ€fft. Die hören ihn immer...
"Er", 14. Januar 1920
Unsere historischen Erfahrungen zeigen, daß es fĂŒr den Ernst- und Krisenfall keinen wirksameren, ja keinen anderen Verfassungschutz gibt als die spontane Bereitschaft des Volks, fĂŒr seine Verfassung zu kĂ€mpfen, das heißt die Verwurzelung der verfassungsmĂ€ĂŸigen Rechte und Werte im Volke selber, also der Zustand, daß sich das Volk mit seiner Verfassung identifiziert.
Um ein mitleidiges Herz bitte ich, wie könnte ich sonst lieben? O, da ich in allem so seicht bin, muss ich alles erbitten. Ein Kind kann mitleiden, aber ich vergesse oft die Schmerzen, die mich doch erdrĂŒcken mĂŒssten, die Schmerzen der Menschen. Und meine ohnmĂ€chtige Liebe lege ich in Deine Hand, damit sie mĂ€chtig wird.
6. August 1942
Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen wĂŒrde und weinen und erzĂ€hlen, was wĂŒsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzĂ€hlt, sie ist heiß und fĂŒrchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfĂŒrchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.
Was Gott fĂŒr sich selbst ist, das kann niemand begreifen. Gott ist fĂŒr sich selbst in allen Dingen, Gott ist alle Dinge in allen Dingen und Gott ist jedem Dinge allzumal alle Dinge. So soll die Seele sein. Gott ist keinem Dinge völlig nichts, Gott ist fĂŒr sich selbst nicht völlig nichts, Gott ist nichts, was man in Worte fassen kann.
Sei friedlich. Sich nicht rÀchen kann auch eine Rache sein.
Die PrĂ€destination und der freie Wille, diese beiden anscheinend nicht vereinbaren GegensĂ€tze – jetzt machen sie mir eigentlich nicht mehr viele Schmerzen, obwohl ich sie so wenig erklĂ€ren kann wie vorher. Dass Gott allwissend ist, daran glaube ich, und die notwendige Folgerung daraus ist, dass er auch von jedem einzelnen weiß, was nach der Zeit ist. Dies verlangt auch seine Eigenschaft als unendlicher Gott. Meinen freien Willen fĂŒhle ich, wer kann ihn mir beweisen!
12. Januar 1943
Kants ganze Moral lĂ€uft doch darauf hinaus, dass jeder Mensch bei jeder Handlung sich selbst ĂŒberlegen muss, ob die Maxime seines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden kann. Das heißt 
 Es ist ja gerade sozusagen das extrem Umgekehrte des Gehorsams! Jeder ist Gesetzgeber. Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen. [..] Gehorchen in diesem Sinne tun wir, solange wir Kinder sind, da ist es notwendig. Da ist Gehorsam eine sehr wichtige Geschichte. Aber die Sache sollte doch im vierzehnten, fĂŒnfzehnten Lebensjahr spĂ€testens ein Ende haben.
Ich wollte Ihnen so gern durch die Mathilde etwas schicken, habe aber hier leider gar nichts, als das kleine bunte TĂŒchlein; lachen Sie's nicht aus; es sollte Ihnen nur sagen, daß ich Sie sehr liebe.

Der Panther

Sein Blick ist vom VorĂŒbergehn der StĂ€be
so mĂŒd geworden, daß er nichts mehr hĂ€lt.
Ihm ist, als ob es tausend StÀbe gÀbe
und hinter tausend StÀben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betĂ€ubt ein großer Wille steht

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Es ist immer sehr schwierig, ĂŒber den Wert politischer Ziele zu urteilen, wenn deren Erreichung noch in weiter Ferne liegt. Ich glaube daher, daß man eine politische Bewegung nie nach ihren Zielen beurteilen darf, die sie laut verkĂŒndet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt.
Auf einem Dampfer, der in die falsche Richtung fÀhrt, kann man nicht sehr weit in die richtige Richtung gehen.
Ein normaler Mensch sagt: "Ich habe gerade keine Lust."

Die Menschmaschine aus der Redaktion von Spiegel Online sagt: "Ich bin ein Jetzt­gerade­keine­lust­haber."
So lĂ€uft der Unterschied zwischen traditionellen und modernen LĂŒgen im Grunde auf den Unterschied zwischen Verbergen und Vernichten hinaus.
"Wahrheit und Politik"
Die Funktion der paraprofessionellen VerbĂ€nde jedoch ist bei beiden totalitĂ€ren Bewegungen die gleiche. Sie hĂ€ngt aufs engste mit dem "totalen" Charakter der Bewegung zusammen, die eine Organisation aufstellt, die von vornherein prĂ€tendiert, die gesamte Welt, die gesamte Gesellschaft zu reprĂ€sentieren. So wie es das ausgesprochene Endziel der Nazipropaganda war und die unausgesprochene Praxis des bolschewistischen Systems ist, nach der Machtergreifung das gesamte Volk als Sympathisierende (aber nicht als Parteimitglieder) zu organisieren, so ist das Ziel der totalitĂ€ren Bewegung, vor der Machtergreifung den Eindruck zu erwecken, daß man gleichsam komplett sei, das heißt alle Elemente der Gesellschaft in den eigenen Reihen habe. Die Nazis gingen in der Organisation einer kompletten Gegen-Welt vor der Machtergreifung noch einen Schritt weiter als die Bolschewisten und errichteten eine Reihe von Parteiinstitutionen, die genau nach dem Modell der staatlichen Ministerien gebildet waren. Keine dieser Parteiabteilungen - fĂŒr auswĂ€rtige Angelegenheiten, fĂŒr Erziehung, Kultur, Sport, und so weiter - hatte rein beruflich ein höheres Niveau als die paramilitĂ€rischen VerbĂ€nde. Alle zusammen bildeten eine vollkommene Scheinwelt, in der jede RealitĂ€t der nichttotalitĂ€ren Welt ihre genaue Entsprechung gefunden hatte.

Diese Verdoppelungstechnik, so wertlos fĂŒr die Machtergreifung im allgemeinen wie die paramilitĂ€rischen VerbĂ€nde, fĂŒr den bewaffneten Aufstand im besonderen, wurde dann von grĂ¶ĂŸter Bedeutung fĂŒr den sogenannten totalitĂ€ren Staat. Aber auch vor der Machtergreifung, innerhalb einer nichttotalitĂ€ren Welt, sind die paraprofessionellen Frontorganisationen von höchstem Wert. Sie dienen nicht nur der Komplettierung der fiktiven Welt der Bewegung, in der alles und alle, vom Straßenfeger bis zum UniversitĂ€tsprofessor, vertreten sein muß, sie bilden nicht nur unvergleichliche Werkzeuge fĂŒr die Unterminierung der betreffenden Sektoren einer noch nicht totalitĂ€ren Gesellschaft und ihres Berufsethos, sondern sie sind, gleich den paramilitĂ€rischen VerbĂ€nden, aufs genaueste bestimmten ideologischen MassenĂŒberzeugungen angepaßt, durch die sie karikierend das Zerrbild, das die Masse sich von bestimmten Berufsgruppen gemacht hat, in die Wirklichkeit umsetzen. Der Vorstellung, die in einer durch Krisen erschĂŒtterten Welt verstĂ€ndlich genug ist, daß die Vertreter des Rechts eigentlich Rechtsbrecher seien, wird entgegengekommen durch eine Organisation von Juristen, die Rechtsbrecher aus Überzeugung sind und das Verbrechen juristisch verteidigen; der Vorstellung, daß Ärzte eigentlich Mörder sind, wird entsprochen durch eine Ärzteorganisation, die alle diejenigen aufnimmt, die bereit sind, ihre eugenischen Prinzipien bis zu der Konsequenz des Mordes durchzufĂŒhren; der Vorstellung von der Ignoranz der Gelehrten wird nachgeholfen durch VerbĂ€nde an den UniversitĂ€ten, in denen nicht nur Ignoranz zugunsten sogenannter Charaktereigenschaften gepredigt, sondern offen demonstriert wird. Die totalitĂ€ren Bewegungen, mit anderen Worten, realisieren das Zerrbild, das die heimatlos und asozial gewordenen sich von der Gesellschaft gemacht haben, mit der gleichen Konsequenz, mit der sie die Wahnidee der Weisen von Zion sich zu eigen machen. Die FĂŒhrer der totalitĂ€ren Bewegungen, die selbst noch nichtotalitĂ€ren VerhĂ€ltnissen entstammen und die geheimen WĂŒnschen der Massen kennen, wissen sehr genau, daß hinter dem Zerrbild vom Rechtsvertreter als Rechtsverdreher, vom Arzt als Mörder, vom Gelehrten als dem Ignoranten der Wunsch steht, das Recht zu brechen, Menschen zu töten und das Wissen aus der Welt zu schaffen. Die totalitĂ€ren Bewegungen organisieren vor der Machtergreifung alle diejenigen Elemente in den verschiedenen Berufsgruppen, die diesen MassenwĂŒnschen bereits entsprechen, und verfĂŒgen damit ĂŒber ein fĂŒr jede Gruppe in der Gesellschaft spezifisch geeignetes Instrument der Zersetzung.

[..]

Jedenfalls gehört es mit zu der Unterminierungsfunktion der paraprofessionellen Gruppen, die beruflichen MaßstĂ€be nach Möglichkeit zu senken und das spezifische Berufsethos jeder Gruppe zu untergraben. Die eigentĂŒmliche Substanzentleerung, die entweder bereits vorgebildet der Grund und Boden wird, auf dem die totalitĂ€ren Bewegungen entspringen und gedeihen können, oder als Vorbedingung totalitĂ€rer Herrschaft kĂŒnstlich nach der MachtĂŒbernahme hergestellt wird, wird durch die paraprofessionellen Gruppen aufs wirksamste gefördert. Die Tatsache, daß in solchen VerbĂ€nden automatisch diejenigen prominent werden, die an ihrem Beruf am wenigsten interessiert oder in ihm am schlechtesten weggekommen sind, ist hierbei sogar von zweitrangiger Bedeutung. Wesentlicher ist, daß ihre politische Schulung gerade darin besteht, ihren sachlich gebundenen und daher notwendig limitierten Vorstellungskreis zu "erweitern", bis sie gelernt haben, in Jahrhunderten und "Kontinenten zu denken". Allgemein gesprochen geht es um die Vorbereitung jener MentalitĂ€t, die mit Himmlers Worten "eine Sache nie um ihrer selbst willen tut".
"Elemente und UrsprĂŒnge totaler Herrschaft", S. 548 ff.

Spruch

Laß die wilden Tiere
in Ruh:
Keines mordet
wie du
Wer eine HintertĂŒr in sein Leben einbaut, gebraucht sie eines Tages als Hauptportal.
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung fĂŒr das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart und verschlossenen Pforten vergeblich geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die TĂŒren der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausĂŒbt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen.
Januar 1942