node created 2019/09/29
Die totalitĂ€re Bewegung benutzt die Frontorganisationen als einen Schutzwall, der die Mitgliedschaft, ihren fanatischen Glauben an die ideologische Fiktion und ihre "revolutionĂ€re" Moral gegen den Schock einer noch intakten Außenwelt schĂŒtzt; gleichzeitig dient die Frontorganisation der Mitgliedschaft als eine genau ĂŒberwachte BrĂŒcke in die NormalitĂ€t zurĂŒck, eine BrĂŒcke, ohne welche die Mitglieder vor dem Sieg der totalitĂ€ren Bewegungen den Gegensatz zwischen ihren Überzeugungen und den Ansichten aller ĂŒbrigen, zwischen der ideologischen Fiktion und der RealitĂ€t der normalen Welt allzu scharf empfinden wĂŒrden. WĂ€hrend des Kampfes der Bewegung um die Macht bewĂ€hrt sich die Frontorganisation gerade darin, daß sie die Parteimitglieder nicht nur isoliert, sondern ihnen gleichzeitig sich als NormalitĂ€t darbietet, ihnen ein Falsifikat der Außenwelt gibt, das den Einbruch der wirklichen Welt wirksamer abhĂ€lt als bloße Indoktrination und Fanatismus. Die deutliche Differenz zwischen seiner eigenen Haltung und der eines Sympathisierenden wird den Parteinazi oder Parteibolschewisten in seinem Glauben an die ideologisch-fiktive ErklĂ€rung von Welt und Geschichte gerade darum bestĂ€rken, weil der Sympathisierende Ă€hnliche Meinungen in einer noch "normalen" Form hegt. Die Reste von NormalitĂ€t im Sympathisierenden, seine mangelnde Folgerichtigkeit und ein gewisser Wirklichkeitssinn, der es nicht dazu kommen lĂ€ĂŸt, ideologische Meinungen in das ihnen inhĂ€rente totalitĂ€re Extrem zu treiben, erscheinen dem Parteimitglied als reprĂ€sentativ fĂŒr die gesamte außerhalb der Bewegung stehende Welt. So gewinnt er die Vorstellung, als hĂ€tte er in einer weniger konsequenten und konfuseren Weise jeden auf seiner Seite, den die Bewegung nicht von vornherein als den Feind gebrandmarkt hat - den Juden, den Kapitalisten. Durch die Frontorganisationen der Sympathisierenden hindurch erscheint die Welt als voll von geheimen VerbĂŒndeten, die nur noch nicht die notwendige Geistes- und CharakterstĂ€rke aufbringen können, um die Konsequenzen aus ihren Überzeugungen zu ziehen. Die Frontorganisationen sind die von den totalitĂ€ren Bewegungen eigens errichtete Fassade einer nichttotalitĂ€ren Außenwelt. Es ist der Ersatz der Wirklichkeit, der am wirksamsten vor der Wirklichkeit schĂŒtzt.

Ebenso wirksam nun, wie die Frontorganisationen die Mitglieder ĂŒber den eigentlichen Charakter der Außenwelt tĂ€uschen, tĂ€uschen sie die Außenwelt ĂŒber den eigentlichen Charakter der Bewegung. Die Sympathisierenden, deren alltĂ€gliches Leben ja noch innerhalb einer nichttotalitĂ€ren und nach "normalen" Regeln sich vollzieht, bieten sich natĂŒrlicherweise den Blicken der Außenstehenden zuerst dar. Sie machen zumeist noch nicht einmal den Eindruck von Fanatikern und können in jedem Fall den Anspruch erheben, daß ihre Meinung unter anderen Meinungen gehört werde. Es ist in dieser Form einer anscheinenden harmlosen Meinung unter Meinungen, daß die ideologische Fiktion zuerst in dem Meinungschaos der modernen Welt erscheint und in ihm eine erst kaum merkliche PrĂ€ponderanz gewinnt, bis schließlich in dem eigentlich prĂ€totalitĂ€ren Stadium alle Diskussionen von totalitĂ€ren Elementen vergiftet sind. [Das Chaotische dieser prĂ€totalitĂ€ren AtmosphĂ€re, in der blinde Meinungen sich ĂŒberall durchsetzen und jegliche dogmatische Verabsolutierung erstmal eine Chance hat, ist in der kleinen klassischen Schrift von Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, die 1931 erschien, geschildert.] Diese sind als solche schwer zu diagnostizieren, weil die totalitĂ€ren Meinungen von Menschen vertreten werden, die subjektiv ehrlich meinen, daß sie eben nur anderer Meinung sind als andere Leute; zudem fĂ€llt in dem ohnehin herrschenden Meinungschaos die AbsurditĂ€t gerade ihrer Meinung kaum auf. Die Sympathisierendenorganisationen hĂŒllen die Bewegung in einen Nebel der NormalitĂ€t und RespektabilititĂ€t und dienen ihnen in doppelter Weise als Fassade: Sie tĂ€uschen die Parteimitglieder ĂŒber den radikalen Bruch, den sie mit der gesamten nichttotalitĂ€ren Welt vollzogen haben; und sie tĂ€uschen die nichttotalitĂ€re Umgebung ĂŒber die radikale Andersartigkeit und AggressivitĂ€t der ideologischen Fiktion.
"Elemente und UrsprĂŒnge totaler Herrschaft", S. 544 f.
Es tut mir leid aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am GlĂŒck des andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Haß und Verachtung bringen uns niemals nĂ€her. Auf dieser Welt ist Patz genug fĂŒr jeden, und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen.

Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein. Wir mĂŒssen es nur wieder zu leben lernen. Die Habgier hat das Gute im Menschen verschĂŒttet und Mißgunst hat die Seelen vergiftet und uns im Paradeschritt zu Verderb und Blutschuld gefĂŒhrt. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt aber innerlich sind wir stehen geblieben. Wir lassen Maschinen fĂŒr uns arbeiten und sie denken auch fĂŒr uns. Die Klugheit hat uns hochmĂŒtig werden lassen, und unser Wissen kalt und hart. Wir sprechen zu viel und fĂŒhlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und GĂŒte. Ohne Menschlichkeit und NĂ€chstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.

Aeroplane und Radio haben uns einander nĂ€her gebracht. Diese Erfindungen haben eine BrĂŒcke geschlagen, von Mensch zu Mensch. Die erfordern eine allumfassende BrĂŒderlichkeit, damit wir alle Eins werden. Millionen Menschen auf der Welt können im Augenblick meine Stimme hören. Millionen verzweifelter Menschen, Opfer eines Systems, das es sich zur Aufgabe gemacht hat Unschuldige zu quĂ€len, und in Ketten zu legen. Allen denen die mich jetzt hören rufe ich zu : Ihr dĂŒrft nicht verzagen! Auch das bittere Leid das ĂŒber uns gekommen ist, ist vergĂ€nglich. Die MĂ€nner, die heute die Menschlichkeit mit FĂŒssen treten werden nicht immer da sein. Ihre Grausamkeit stirbt mit ihnen, und auch ihr Hass. Die Freiheit, die sie den Menschen genommen haben, wird ihnen dann zurĂŒckgegeben werden. Auch wenn es Blut und TrĂ€nen kostet, fĂŒr die Freiheit ist kein Opfer zu groß.

Soldaten, vertraut euch nicht Barbaren an, Unmenschen, die euch verachten, und denen euer Leben nichts wert ist; ihr seid fĂŒr sie nur Sklaven. Ihr habt das zu tun, das zu glauben, das zu fĂŒhlen. Ihr werdet gedrillt, gefĂŒttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter. Ihr seid viel zu schade fĂŒr diese verehrten Subjekte. Diese Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen, und Maschinenherzen. Ihr seid keine Roboter, ihr seid keine Tiere, ihr seid Menschen! Erwahrt euch die Menschlichkeit in euren Herzen und hasst nicht, nur wer nicht geliebt wird hasst, nur wer nicht geliebt wird. Soldaten kĂ€mpft nicht fĂŒr die Sklaverei, kĂ€mpft fĂŒr die Freiheit.

Im siebzehnten Kapitel des Evangelisten Lukas steht : Gott wohnt in jedem Menschen. Also nicht nur in einem oder in einer Gruppe von Menschen. Vergesst nie, Gott liegt in euch allen, und ihr als Volk habt allein die Macht. Die Macht Kanonen zu fabrizieren, aber auch die Macht GlĂŒck zu spenden. Ihr als Volk habt es in der Hand, dieses Leben einmalig kostbar zu machen, es mit wunderbarem Freiheitsgeist zu durchdringen. Daher im Namen der Demokratie : Laßt und diese Macht nutzen! Laßt uns zusammen stehen! Laßt uns kĂ€mpfen fĂŒr eine neue Welt, fĂŒr eine anstĂ€ndige Welt! Die jedermann gleiche Chancen gibt, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit gewĂ€hrt. Versprochen haben die UnterdrĂŒcker das auch, deshalb konnten sie die Macht ergreifen. Das war LĂŒge, wie ĂŒberhaupt alles, was sie euch versprachen, diese Verbrecher. Diktatoren wollen die Freiheit nur fĂŒr sich, das Volk soll versklavt bleiben. Laßt uns diese Ketten sprengen! Laßt uns kĂ€mpfen fĂŒr eine beseere Welt! Laßt uns kĂ€mpfen fĂŒr die Freiheit in der Welt, das ist ein Ziel, fĂŒr das es sich zu kĂ€mpfen lohnt. Nieder mit der UnterdrĂŒckung, dem Hass und der Intoleranz! Laßt uns kĂ€mpfen fĂŒr eine Welt der Sauberkeit. In der die Vernunft siegt, in der uns Fortschritt und Wissenschaft allen zum Segen reichen. Kameraden, im Namen der Demokratie: DafĂŒr laßt uns streiten!
"Der große Diktator" (1940)
Ich lege hier fĂŒr den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer ĂŒberschwenglichen Dummheit verachte, und mich schĂ€me, ihr anzugehören.
Ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstĂ¶ĂŸt.
Freiheit ich will dich aufrauhen mit Schmirgelpapier du geleckte.
Ein Mann in einem Mietshaus muss die Möglichkeit haben, sich aus einem Fenster zu beugen und - so weit seine HĂ€nde reichen - das Mauerwerk abzukratzen. Und es muss ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel - so weit er reichen kann - alles außen zu bemalen, so dass man von weitem, von der Straße sehen kann: Dort wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn, den einquartierten versklavten Normmenschen, unterscheidet.
Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
tĂ€glich muß es neu gespielt werden
tĂ€glich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verÀndern
Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter.
Es ist typisch fĂŒr die entmutigende OberflĂ€chlichkeit des heutigen Denkens, daß das Wort "GrĂ¶ĂŸe", das eine QuantitĂ€t und nicht eine QualitĂ€t bezeichnet, als ein Ausdruck der Anerkennung, wie zum Beispiel "Schönheit", "GĂŒte", "Weisheit" verwendet wird. Was heute groß ist, wird also fast automatisch als schön und gut angesehen.
"Germany: Jekyll & Hyde (1939 - Deutschland von innen betrachtet)" (1940), S. 20
Was sind das fĂŒr Zeiten, wo
Ein GesprĂ€ch ĂŒber BĂ€ume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen ĂŒber so viele Untaten einschließt!
WohltÀtigkeit ist das ErsÀufen des Rechts im Mistloch der Gnade.
Ich finde die meisten Kinder ausgesprochen klug. Wenn die in Interviews gefragt werden, sind sie witzig und schnell und den Alten meistens ĂŒberlegen.
HörZu (Oktober 2003)
Wand, ich bewundere dich, daß du noch nicht zusammengebrochen, so viel ödes GeschwĂ€tz bist du zu tragen verdammt.
"Pompeji" von August Mau (1900)
Was lehrt uns der Ausgang dieses Krieges, der nie ein nationaler war?

Der imperialistische Machtgedanke muß, von welcher Seite er auch kommen möge, fĂŒr alle Zeit unschĂ€dlich gemacht werden. Ein einseitiger preußischer Militarismus darf nie mehr zur Macht gelangen. Nur in großzĂŒgiger Zusammenarbeit der europĂ€ischen Völker kann der Boden geschaffen werden, auf welchem ein neuer Aufbau möglich sein wird. Jede zentralistische Gewalt, wie sie der preußische Staat in Deutschland und Europa auszuĂŒben versucht hat, muß im Keime erstickt werden. Das kommende Deutschland kann nur föderalistisch sein. Nur eine gesunde föderalistische Staatenordnung vermag heute noch das geschwĂ€chte Europa mit neuem Leben zu erfĂŒllen. Die Arbeiterschaft muß durch einen vernĂŒnftigen Sozialismus aus ihrem Zustand niedrigster Sklaverei befreit werden. Das Truggebilde der autarken Wirtschaft muß in Europa verschwinden. Jedes Volk, jeder einzelne hat ein Recht auf die GĂŒter der Welt!

Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen BĂŒrgers vor der WillkĂŒr verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa.
Bedenke, dass du nicht gegen deine Freiheit handelst, wenn du deine Meinung Ànderst und dem, der sie berichtigt, nachgibst. Denn auch dann vollzieht sich deine TÀtigkeit nach deinem Willen und Urteil und sogar auch nach deinem Sinn.
"Selbstbetrachtungen"
Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen RealitĂ€tsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.
"Nach Auschwitz. Essays & Kommentare"
Das geringste kreatĂŒrliche Bild, das sich in dir bildet, ist ebenso gross wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt so gewaltig danach, dass du aus dir selbst, in kreatĂŒrlicher Weise, hinausgehst, als ob all seine Seligkeit daran liege. FĂŒrwahr, lieber Mensch, was schadet es dir, dass du Gott gönnest, dass er Gott in dir sei?
"Vom innersten Grunde"
Aber das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferner und lange: Sagen wir die Wahrheit.
Du mußt in dein ganzes Leben wie in jede einzelne Handlung Ordnung bringen, und wenn du dir bei allen Handlungen sagen kannst: Ich tat nach besten KrĂ€ften, so kannst du ruhig sein, und daß du deine ganze Kraft einsetztest, daran kann dich niemand hindern. "Aber es kann sich von außen her ein Widerstand erheben?" Gewiß keiner gegen ein gerechtes, besonnenes und ĂŒberlegtes Handeln. Aber vielleicht tritt sonst etwas deiner TĂ€tigkeit in den Weg? Doch lĂ€ssest du dir nur jenes Hindernis gefallen und schreitest zu dem, was dir noch freisteht, mit Überlegung fort, so tritt sogleich ein neuer Gegenstand der TĂ€tigkeit an die Stelle und wird sich in die Lebensordnung fĂŒgen, von der wir reden.
"Selbstbetrachtungen"
Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist.