node created 2019/09/29
Der offenbare Widerspruch zwischen einer Geheimgesellschaft und einer Massenorganisation verliert jede Bedeutung angesichts der Tatsache, daß die den Geheimgesellschaften eigene Struktur die Möglichkeit bot, die totalitäre Dichotomie zwischen der eigenen Bewegung und der gesamten Außenwelt, welche ihrerseits auf der blinden Feindseligkeit der Massen gegen den gesamten Bestand des Bestehenden, ohne Ansehen irgendwelcher Nuancen und Differenzierungen, beruhte, zu einem organisatorischen Prinzip zu machen. Eine Organisation, die nach dem Prinzip aufgebaut ist "Wer nicht eingeschlossen ist, ist ausgeschlossen", "Wer nicht für mich ist, ist wider mich", raubt der Welt jene wirklich existierende Mannigfaltigkeit, die für Massen, die in ihr ihren Platz und damit ihre Orientierungsmöglichkeit verloren haben, nur verwirrend und sogar untragbar ist. Die Aufteilung zwischen "uns" und allen anderen flößt diesen Massen die gleiche uneingeschränkte Loyalität ein wie den Gliedern geheimer Gesellschaften das Geheimnis selbst, in das sie eingeweiht sind. Jede totalitäre Bewegung behauptet, daß außerhalb von ihr alle Wirklichkeit "absterbe", eine Behauptung, die dann unter den mörderischen Bedingungen totaler Herrschaft sich sehr drastisch bewahrheiten; im Stadium vor der Machtergreifung gibt keine andere Behauptung den Massen, die ja vor ihrer eigenen, unverschuldeten Direktionslosigkeit und Desintegration in das fiktive Heim der Bewegungen geflohen sind, einen so handgreiflichen Trost und eine so einleuchtende Hoffnung.
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 563 f.
Es ist immer sehr schwierig, über den Wert politischer Ziele zu urteilen, wenn deren Erreichung noch in weiter Ferne liegt. Ich glaube daher, daß man eine politische Bewegung nie nach ihren Zielen beurteilen darf, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt.
Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.
Die Eltern haben eben für die Kinder nur die tierische, sinnlose, sich mit dem Kinde immerfort verwechselnde Liebe, der Erzieher hat für das Kind Achtung, und das ist im Erziehungssinn unvergleichbar mehr, selbst wenn keine Liebe mitsprechen sollte. Ich wiederhole: im Erziehungssinn; denn wenn ich die Elternliebe eine tierisch sinnlose nenne, so ist das an sich keine Minderbewertung, sie ist ein ebenso unerforschliches Geheimnis wie die kunstvoll schöpferische Liebe des Erziehers, nur in Hinsicht der Erziehung allerdings kann diese Minderbewertung gar nicht groß genug sein. Wenn sich N. eine Henne nennt, so hat sie ganz recht, jede Mutter ist es im Grunde, und die, welche es nicht ist, ist entweder eine Göttin oder aber wahrscheinlich ein krankes Tier. Nun will aber diese Henne N. nicht Hühnchen, sondern Menschen zu Kindern haben, darf also ihre Kinder nicht allein erziehen.
Brief an Elli Hermann (Herbst 1921)
Die Außendinge selbst berühren die Seele auf keinerlei Weise. Sie haben keinen Zugang zu ihr und können die Seele weder umstimmen noch irgendwie bewegen. Sie erteilt sich vielmehr selber allein Stimmung und Bewegung, und nach Maßgabe der Urteile, die sie über ihre eigene Würde fällt, schätzt sie auch die äußeren Gegenstände höher und niedriger.
"Selbstbetrachtungen"
Rührt ein Übel von dir selbst her, warum tust du's? Kommt es etwa von einem andern, wem machst du Vorwürfe? Etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.
"Selbstbetrachtungen"
Heimat trage ich immer bei mir. Sie liegt mehr oben. Also im Himmel, zwischen zwei Sternen.
Nur zu oft ist der Erfinder der faustische Idealist, der die Welt verbessern möchte, aber an den harten Realitäten scheitert. Will er seine Ideen durchsetzen, muß er sich mit Mächten einlassen, deren Realitätssinn schärfer und ausgeprägter ist. In der heutigen Zeit sind solche Mächte, ohne daß ich damit ein Werturteil aussprechen möchte, vornehmlich Militärs und Manager. [..] Nach meiner Erfahrung sind die Chancen des Einzelnen, sich gegen solches Paktieren zu wehren, gering.
Du mußt in dein ganzes Leben wie in jede einzelne Handlung Ordnung bringen, und wenn du dir bei allen Handlungen sagen kannst: Ich tat nach besten Kräften, so kannst du ruhig sein, und daß du deine ganze Kraft einsetztest, daran kann dich niemand hindern. "Aber es kann sich von außen her ein Widerstand erheben?" Gewiß keiner gegen ein gerechtes, besonnenes und überlegtes Handeln. Aber vielleicht tritt sonst etwas deiner Tätigkeit in den Weg? Doch lässest du dir nur jenes Hindernis gefallen und schreitest zu dem, was dir noch freisteht, mit Überlegung fort, so tritt sogleich ein neuer Gegenstand der Tätigkeit an die Stelle und wird sich in die Lebensordnung fügen, von der wir reden.
"Selbstbetrachtungen"
Es tut mir leid aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am Glück des andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Haß und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Patz genug für jeden, und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen.

Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein. Wir müssen es nur wieder zu leben lernen. Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet und Mißgunst hat die Seelen vergiftet und uns im Paradeschritt zu Verderb und Blutschuld geführt. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt aber innerlich sind wir stehen geblieben. Wir lassen Maschinen für uns arbeiten und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen, und unser Wissen kalt und hart. Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.

Aeroplane und Radio haben uns einander näher gebracht. Diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen, von Mensch zu Mensch. Die erfordern eine allumfassende Brüderlichkeit, damit wir alle Eins werden. Millionen Menschen auf der Welt können im Augenblick meine Stimme hören. Millionen verzweifelter Menschen, Opfer eines Systems, das es sich zur Aufgabe gemacht hat Unschuldige zu quälen, und in Ketten zu legen. Allen denen die mich jetzt hören rufe ich zu : Ihr dürft nicht verzagen! Auch das bittere Leid das über uns gekommen ist, ist vergänglich. Die Männer, die heute die Menschlichkeit mit Füssen treten werden nicht immer da sein. Ihre Grausamkeit stirbt mit ihnen, und auch ihr Hass. Die Freiheit, die sie den Menschen genommen haben, wird ihnen dann zurückgegeben werden. Auch wenn es Blut und Tränen kostet, für die Freiheit ist kein Opfer zu groß.

Soldaten, vertraut euch nicht Barbaren an, Unmenschen, die euch verachten, und denen euer Leben nichts wert ist; ihr seid für sie nur Sklaven. Ihr habt das zu tun, das zu glauben, das zu fühlen. Ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt, und seid nichts weiter als Kanonenfutter. Ihr seid viel zu schade für diese verehrten Subjekte. Diese Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen, und Maschinenherzen. Ihr seid keine Roboter, ihr seid keine Tiere, ihr seid Menschen! Erwahrt euch die Menschlichkeit in euren Herzen und hasst nicht, nur wer nicht geliebt wird hasst, nur wer nicht geliebt wird. Soldaten kämpft nicht für die Sklaverei, kämpft für die Freiheit.

Im siebzehnten Kapitel des Evangelisten Lukas steht : Gott wohnt in jedem Menschen. Also nicht nur in einem oder in einer Gruppe von Menschen. Vergesst nie, Gott liegt in euch allen, und ihr als Volk habt allein die Macht. Die Macht Kanonen zu fabrizieren, aber auch die Macht Glück zu spenden. Ihr als Volk habt es in der Hand, dieses Leben einmalig kostbar zu machen, es mit wunderbarem Freiheitsgeist zu durchdringen. Daher im Namen der Demokratie : Laßt und diese Macht nutzen! Laßt uns zusammen stehen! Laßt uns kämpfen für eine neue Welt, für eine anständige Welt! Die jedermann gleiche Chancen gibt, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit gewährt. Versprochen haben die Unterdrücker das auch, deshalb konnten sie die Macht ergreifen. Das war Lüge, wie überhaupt alles, was sie euch versprachen, diese Verbrecher. Diktatoren wollen die Freiheit nur für sich, das Volk soll versklavt bleiben. Laßt uns diese Ketten sprengen! Laßt uns kämpfen für eine beseere Welt! Laßt uns kämpfen für die Freiheit in der Welt, das ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Nieder mit der Unterdrückung, dem Hass und der Intoleranz! Laßt uns kämpfen für eine Welt der Sauberkeit. In der die Vernunft siegt, in der uns Fortschritt und Wissenschaft allen zum Segen reichen. Kameraden, im Namen der Demokratie: Dafür laßt uns streiten!
"Der große Diktator" (1940)
[Computer] sind nutzlos. Sie geben uns nur Antworten.
"Je eher und schöner das Leben Vergeuden, desto besser" schreiben Sie. Mag es so sein, wenn sie wollen. Aber glauben sie mir, mit Fieber wird das Leben nicht "schön" vergeudet, ja nicht einmal "eher". Ich bin hier nicht in einem eigentlichen Sanatorium, in einem Sanatorium mag der Eindruck noch viel stärker sein, aber auch hier sehe ich, wenn ich mich umschaue, nichts von schöner und schneller Vergeudung, man vergeudet nicht, man wird vergeudet. Und dagegen kann man sich mit ihrer frischen Jugend wunderbar wehren und das müssen Sie. Vorausgesetzt, daß überhaupt ein Angriff vorliegt, was ich nicht weiß und gern nicht glauben will. Aber wenn wirkliches Fieber da ist, regelmäßig 37° oder darüber, mit dem Thermometer im Mund gemessen, dann müssen sie sofort zum Arzt, das ist doch selbstverständlich. Dann fort mit Robinson, vorläufig wenigstens, auch Robinson wurde, als er einmal Fieber hatte, von einem Schiff abgeholt und erst als er wieder zuhause gesund geworden war, durfte er wieder wegfahren und wieder Robinson werden. In seinem Buch hat er dann dieses Kapitel gestrichen, weil er sich geschämt hat, aber um seine Gesundheit war er jedenfalls sehr besorgt, und was der große Robinson durfte, wird wohl auch die kleine Minze dürfen.
Brief an Minze (März 1921)
Das Kriterium dieser Aristokratie - wie überhaupt aller Aristokratien - ist die Verachtung. Und wir haben gesehen, wie sie sich vor unseren Augen mit der Wärme, dem Komfort und dem Essen herausgebildet hat. Jene verachten - und dann hassen, sobald sie Ansprüche stellen -, die mager sind und einen Körper mit verdorbenem Blut dahinschleppen, jene, die man gezwungen hat, vom Menschen ein solches Bild darzustellen, daß es eine unerschöpfliche Quelle des Ekels und des Hasses ist.

Die Verachtung der Aristokratie für die Häftlinge ist ein Klassenphänomen, das gerade erst entworfen wird, und zwar in dem Sinne, daß sich innerhalb einer vorübergehenden Gemeinschaft eine Klasse herausbildet und manifestiert, die verteidigt werden muß; doch diese Verachtung kann nicht ebenso souverän sein wie die der SS, denn diese Aristokratie muß kämpfen, um sich oben zu halten. Kämpfen heißt, die andern arbeiten zu lassen, heißt sie bespitzeln, heißt auch, ihnen die Schonung zu verweigern. Die Verachtung stellt sich erst nachträglich ein, um den Kampf zu rechtfertigen; sie tritt erst dann an die Stelle des Hasses auf den möglichen Störenfried, wenn die Schlacht gewonnen ist, wenn die Lage sich endgültig konsolidiert hat.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 237
Hier ein einwurf, der mir seit langem höchst wichtig erscheint und den ich bei dieser gelegenheit passend anbringen will: frau Holle ist nicht, wie in kindergeschichten fälschlich berichtet wird, ein steinalte mütterchen, sondern vielmehr eine bezaubernd schöne frau mit blauen augen und vollem, weizenblondem haar, welches jeweils nach der letzten mode geschnitten und frisiert ist!
"Frankenstein in Sussex"
Predige nicht den schmalen Pfad, während du fröhlich auf dem weiten gehst. Predige den weiten Pfad, oder predige gar nicht; aber halte dich nicht selbst zum Narren, indem du sagst, du würdest gerne helfen, eine freie Gesellschaft einzuleiten, aber du kannst dafür keinen Lehnstuhl opfern. Sage ehrlich, "Ich liebe Lehnstühle mehr als freie Menschen, und wähle es nach ihnen zu streben; nicht, weil der Umstand mich dazu zwingt. Ich liebe Hüte, große, große Hüte, mit vielen Federn und grossen Bögen; und ich möchte lieber diese Hüte haben, als mich mit sozialen Träumen zu sorgen, die zu meinen Lebzeiten nie verwirklicht sein werden. Die Welt betet Hüte an, und ich möchte mit ihnen beten."

Solltest du aber die Freiheit und den Stolz und die Stärke der einzelnen Seele suchen, und die freie Brüderlichkeit der Menschen, als den Zweck, den dein Leben manifestieren soll, dann verkaufe es nicht für Krimskrams. Glaube, dass deine Seele stark ist und den Weg beibehalten kann; und langsam, durch erbittertes Ringen, wird vielleicht die Stärke wachsen. Und der Verzicht auf Besitztümer, für die andere die letzte Möglichkeit der Freiheit eintauschen, wird einfach werden.

Am Ende deines Lebens kannst du deine Augen schließen und sagen: "Ich wurde nicht dominiert von der dominanten Idee meines Zeitalters; Ich habe meine Loyalität selbst ausgesucht, und habe ihr gedient. Ich habe durch eine Lebenszeit bewiesen, dass es etwas im Menschen gibt, das ihn vor absoluter Tyrannei der Umstände rettet, und letztlich die Umstände erobert und umformt; das unsterbliche Feuer des einzelnen Willen, welches die Erlösung der Zukunft ist.
"Was hältst Du von Frauenrechtlerinnen?"

"Das meiste ist Giftmischerei pur. Sie versprühen das Gift pauschal über alle, praktizieren generell Feindschaft gegen Männer und nur selten gegen das in der Tat bestehende wirkliche Unrecht gegen sie. Kämpfen tumb gegen Wörter. Sagen nun statt 'man' - 'frau', was saudumm klingt. Und kommt dann ein Macho daher, lecken sie ihm das Salz von der Haut..."

Die Frau am Nebentisch guckte voller Haß herüber, stand auf, warf wie mit Gewalt die Zigarettenschachtel in die Tasche und ging mit angezogenem Kinn im Hackschritt weg. Aus vier Metern Entfernung zischte sie laut genug, daß wir es hören konnten: "Arschloch, dämliches!" und lief weiter.
"Gastmahl auf Gomera"
Der Stil ist die Physiognomie des Geistes. Sie ist untrüglicher als die des Leibes. Affektation im Stil ist dem Gesichterschneiden zu vergleichen.
Kehre einmal das Innere deines Körpers um wie ein Kleid und schau, wie es inwendig beschaffen ist und was er sein wird, wenn Alter, Krankheit und Ausschweifung ihn aufreiben! Von kurzer Lebensdauer ist sowohl der, welcher lobt, als der, welcher gelobt wird, der, welcher eines andern gedenkt, und der, dessen gedacht wird. Und zudem nur in einem Winkel dieses Erdstriches geschieht es, und selbst hier stimmen nicht alle miteinander, ja der einzelne stimmt nicht einmal mit sich selbst überein. Nun ist aber die ganze Erde nur ein Punkt.
"Selbstbetrachtungen"
Unsere historischen Erfahrungen zeigen, daß es für den Ernst- und Krisenfall keinen wirksameren, ja keinen anderen Verfassungschutz gibt als die spontane Bereitschaft des Volks, für seine Verfassung zu kämpfen, das heißt die Verwurzelung der verfassungsmäßigen Rechte und Werte im Volke selber, also der Zustand, daß sich das Volk mit seiner Verfassung identifiziert.

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.