node created 2019/09/29
Alle Kreaturen jagen Gott mit ihrer Liebe, denn es ist kein Mensch so unselig, dass er aus Bosheit s√ľndigte; sondern er tut es um seiner Lustgier willen. Es schl√§gt einer einen tot; das tut er nicht, um etwas B√∂ses zu tun, sondern es d√ľnkt ihn, er selbst k√§me, solange jener lebt, nimmer in sich selbst zum Frieden; darum will er in Frieden Lust suchen, denn Friede bringt Freude. So jagt alle Kreatur Gott mit ihrer Liebe, denn Gott ist die Liebe. So begehren alle Kreaturen der Liebe. W√§re ein Stein vern√ľnftig, er m√ľsste Gott mit seiner Liebe jagen. Wer einen Baum fragte, warum er seine Frucht tr√§gt, wenn er Vernunft h√§tte, spr√§che er: dass ich mich in der Frucht erneuere, das tue ich, um mich von neuem meinem Ursprung zu n√§hern; denn dem Ursprung nahe sein, das ist lustvoll. Gott ist der Ursprung und ist Lust und Liebe.
So unmöglich es ist, dass Gott das Wesen verliert, das er ist, so unmöglich ist es, dass Gott sein ewiges Wort in Bildern oder in Lauten aussprechen kann.
Was Gott f√ľr sich selbst ist, das kann niemand begreifen. Gott ist f√ľr sich selbst in allen Dingen, Gott ist alle Dinge in allen Dingen und Gott ist jedem Dinge allzumal alle Dinge. So soll die Seele sein. Gott ist keinem Dinge v√∂llig nichts, Gott ist f√ľr sich selbst nicht v√∂llig nichts, Gott ist nichts, was man in Worte fassen kann.
Eins ist ein untersagendes Aussagen. Sage ich: Gott ist gut, da wird etwas beigelegt. Eins ist ein untersagendes Aussagen und ein wehrendes Begehren. Was meint Eins? Etwas, dem nichts beigelegt wird. Die Seele nimmt die Gottheit, wie sie in ihr geläutert ist, wo nichts beigelegt wird, wo nichts gedacht wird. Eins ist Untersagen des Aussagens. Alle Kreaturen haben irgend ein Untersagen in sich; die eine sagt aus, dass es die andre nicht sei; ein Engel sagt aus, dass er nicht eine andere Kreatur sei. Aber Gott hat ein Untersagen alles Aussagens, er ist Eins und untersagt alles andere; denn nichts ist ausser Gott.
Drei Dinge hindern den Menschen, so dass er Gott in keiner Weise erkennen kann. Das erste ist Zeit, das zweite Körperlichkeit, das dritte Mannigfaltigkeit. Solange diese drei in mir sind, ist Gott nicht in mir und wirkt nicht eigenhaft in mir.
Den gerechten Menschen ist es so ernst mit der Gerechtigkeit, dass sie, gesetzt den Fall, Gott w√§re nicht gerecht, nicht eine Bohne sich um Gott k√ľmmerten.
Gott kann, was er will, darum hat er dich sich selbst v√∂llig gleich gemacht und dich zu einem Bild seiner selbst gemacht. Aber ¬Ľihm gleich¬ę, das klingt wie etwas Fremdes und etwas Entferntes; darum ist die Seele Gott nicht gleich, sie ist ganz und gar das Gleiche wie er und dasselbe was er ist. Ich weiss und kann nicht weiter, damit sei diese Rede zu Ende.
W√§re nicht Gott in allen Dingen, die Natur wirkte oder begehrte in keinem Dinge etwas; denn es sei dir lieb oder leid, magst du es wissen oder nicht: die Natur in ihrem Innigsten sucht und meinet Gott. Nie w√ľrde ein Mensch, der Durst hat, so sehr nach etwas zu trinken begehren, wenn nicht etwas von Gott darin w√§re. Die Natur meinte weder Essen noch Trinken, noch Kleider, noch Bequemlichkeit, noch sonst etwas, wenn nicht Gott darin w√§re, und sie jagt und bohrt immer mehr danach, Gott darin zu finden.
Gott kann ebensowenig Gleichnisse leiden, als er leiden kann, dass er nicht Gott ist. Gleichnis ist das, was nicht an Gott ist. In der Gottheit und in der Ewigkeit ist Einssein, aber Gleichheit ist nicht Einssein. Bin ich eins, so bin ich nicht gleich. Gleichheit ist nicht die Form des Wesens in der Einheit, dieses gibt mir Einssein in der Einheit, nicht Gleichsein.
Gerade wie ein Mensch, der gar nichts hat, der kann wohl mild sein, denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein Mensch grossen Reichtum hat und nichts gibt, der kann nicht mild heissen. Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und darum sind alle die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht äusseren Werken und sich ganz und gar von äusserem Werk abschliessen, im Irrtum und nicht auf dem rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen Leben ist, kann wohl und soll sich von allen äussern Werken freimachen, solange er im Schauen ist; aber hernach soll er sich äussern Werken widmen, denn niemand kann sich allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das wirkende Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens.
Die Werke, die der Mensch von innen wirkt, sind lustvoll, sowohl dem Menschen wie Gott, und sind sanft und heissen lebendige Werke. Sie sind Gott deswegen wert, weil er es allein ist, der die Werke in dem Menschen wirkt, die von innen gewirkt werden. Diese Werke sind auch dem Menschen s√ľss und sanft, denn alle die Werke sind dem Menschen s√ľss und lustvoll, wo Leib und Seele mit einander einhellig werden. Und das geschieht in allen solchen Werken. Diese Werke heissen auch lebendige Werke, denn das ist der Unterschied zwischen einem toten Tier und einem lebenden Tier, dass das tote Tier nur von einer √§ussern Bewegung bewegt werden kann, das heisst: wenn man es zieht oder tr√§gt, und darum sind alle seine Werke tote Werke. Aber das lebende Tier bewegt sich selbst, wohin es will, denn seine Bewegung geht von innen aus und alle seine Werke sind lebende Werke. Recht in gleicher Weise heissen alle Werke der Menschen, die ihren Ursprung von innen nehmen, wo Gott allein bewegt, und die von dem Wesen kommen, unsere Werke und g√∂ttliche Werke und n√ľtzliche Werke. Aber alle die Werke, die aus einer √§usseren Ursache und nicht aus dem innern Wesen geschehen, die sind tot und sind nicht g√∂ttliche Werke und sind nicht unsere Werke. Auch spricht Meister Eckhart, dass alle die Werke, die der Mensch von innen wirkt, willk√ľrliche Werke sind. Was nun willk√ľrlich ist, das ist angenehm, und darum sind alle Werke, die von innen geschehen, angenehm, und alle die Werke, die infolge √§usserer Bewegung geschehen, sind unwillk√ľrlich und sind knechtisch, denn w√§re das Ding nicht, das von aussen bewegt, so gesch√§he das Werk nicht, und darum ist es unwillk√ľrlich und knechtisch und unangenehm.
Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist.
Dass wir Gott nicht zwingen, wozu wir wollen, das liegt daran, dass uns zwei Dinge fehlen: Demut vom Grund des Herzens und kr√§ftiges Begehren. Ich sage das bei meinem Leben, ‚Äď Gott vermag in seiner g√∂ttlichen Kraft alle Dinge, aber das vermag er nicht, dass er dem Menschen, der diese zwei Dinge in sich hat, nicht Gew√§hrung schenke. Darum gebt euch nicht mit kleinen Dingen ab, denn ihr seid nicht zu Kleinem geschaffen; denn weltliche Ehre ist nichts als eine Verwandlung und ein Irrsal der Seligkeit.
Es ward nie grossere Mannhaftigkeit noch Streit noch Kampf, als wenn einer sich selbst vergisst und verleugnet.
Wem in einem anders ist als im andern und wem Gott lieber in einem als im andern ist, der Mensch ist gew√∂hnlich und noch fern und ein Kind. Aber wem Gott gleich ist in allen Dingen, der ist zum Mann geworden. Aber wem alle Kreaturen √ľberfl√ľssig und fremd sind, der ist zum Rechten gekommen.
N√∂tiger w√§re ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und leben ohne Gott, dazu kann niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich nach vollkommenem Leben fragen, davon k√∂nnte er mir nichts sagen. Wohin sollte ich daf√ľr gehen? Allzumal nirgends anders als in eine nackte entledigte Natur: die k√∂nnte mir kund tun, wonach ich sie in Ehrfurcht fragte. Leute, was sucht ihr an dem toten Gebein? Warum sucht ihr nicht das lebendige Heil, das euch ewiges Leben geben kann? Denn der Tote hat weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte ein Engel Gott ohne Gott suchen, so suchte er ihn nirgends anders als in einer entledigten nackten abgeschiedenen Kreatur. Alle Vollkommenheit liegt daran, dass man Armut und Elend und Schmach und Widerw√§rtigkeit und alles, was dir zustossen und dich bedr√ľcken kann, willig, fr√∂hlich, frei, begierig und bereit und unbewegt leiden kann und bis an den Tod dabei bleiben ohne alles Warum.
Darum sage ich: wenn sich der Mensch von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen abkehrt, so weit du das tust, so weit wirst du geeint und beseligt in dem F√ľnklein der Seele, das nie Zeit oder Raum ber√ľhrt hat. Dieser Funke entzieht sich allen Kreaturen und will nur Gott, wie er an sich selbst ist. Er begn√ľgt sich nicht mit Vater oder Sohn oder heiligem Geist, und nicht mit den drei Personen, sofern jede f√ľr sich in ihrer Eigenschaft dasteht. Ich sage wahrlich, eben dieses Licht begn√ľgt sich nicht mit der Eigenhaftigkeit der fruchtbaren Beschaffenheit der g√∂ttlichen Natur. Ich will noch mehr sagen, was noch wunderbarer lautet: ich sage in guter Wahrheit, dieses Licht begn√ľgt sich nicht mit dem einfachen stillstehenden g√∂ttlichen Wesen, das weder gibt noch nimmt, sondern es will wissen, woher dieses Wesen kommt, es will in den einfachen Grund, in die stille W√ľste, wohin nie etwas Unterschiedenes, weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist, gedrungen ist; in dem Innigsten, wo niemand heimisch ist, da begn√ľgt es sich in einem Lichte, und da ist es einiger als in sich selbst; denn dieser Grund ist eine einfache Stille, die in sich selbst unbeweglich ist, und von dieser Unbeweglichkeit werden bewegt und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, die vern√ľnftig leben und sich in sich selbst versenkt haben. Dass wir so vern√ľnftig leben, das walte Gott. Amen.
"Von der Einheit der Dinge"
Unser Herr spricht zu einer jeglichen liebenden Seele: ¬ĽIch bin euch Mensch gewesen, wenn ihr mir nicht G√∂tter seid, so tut ihr mir unrecht. Mit meiner g√∂ttlichen Natur wohnte ich in eurer menschlichen Natur, so dass niemand meine g√∂ttliche Gewalt kannte und man mich wandeln sah wie einen andern Menschen. So sollt ihr euch mit eurer menschlichen Natur in meiner g√∂ttlichen Natur bergen, dass niemand eure menschliche Schw√§che an euch erkenne und dass euer Leben zumal g√∂ttlich sei, dass man an euch nichts erkenne als Gott.¬ę Und das geschieht nicht dadurch, dass wir s√ľsse Worte und geistliche Geb√§rden annehmen und dass wir im Geruch der Heiligkeit stehen oder dass unser Name fern und weit getragen werde und wir von Gottes Freunden geliebt werden oder dass wir von Gott so verw√∂hnt und verz√§rtelt sind, dass es uns vorkommt, Gott habe alle Kreaturen vergessen bis auf uns allein, und dass wir w√§hnen, was wir von Gott begehren, das sei jetzt alles geschehen. Nein, nicht also! Nicht das heischt Gott von uns; es steht ganz anders.

Er will, dass wir frei und unbewegt gefunden werden, so man uns nachsagt, wir seien falsche und unwahrhafte Leute, und was man sonst von uns sprechen kann, um uns unsern guten Leumund zu nehmen, und nicht allein, dass man schlecht von uns spricht, sondern auch schlecht gegen uns handelt und uns die Hilfe entzieht, die wir f√ľr unsern Lebensbedarf nicht entbehren k√∂nnen, und nicht allein am Bedarf g√∂ttlicher Dinge, sondern uns auch an unserm K√∂rper sch√§digt, dass wir krank werden oder sonst in schmerzliche M√ľhsal des K√∂rpers verfallen, und wenn die Leute, w√§hrend wir in allen unsern Werken das allerbeste tun, das wir ersinnen k√∂nnen, uns das zum allerb√∂sesten kehren, das sie ersinnen k√∂nnen, und wenn wir das nicht allein von den Menschen erdulden, sondern auch von Gott, so dass er uns den Trost seiner Gegenwart entzieht und gerade so tut, als w√§re eine Mauer zwischen uns und ihm aufgerichtet, und wenn er, falls wir mit unsrer M√ľhsal zu ihm kommen, um Trost und H√ľlfe zu suchen, sich dann gegen uns benimmt, wie wenn er seine Augen vor uns schl√∂sse, so dass er uns nicht sehen noch h√∂ren will und er uns allein stehen l√§sst im Kampf mit unsern N√∂ten, wie Christus von seinem Vater verlassen ward: sehet, dann sollten wir uns in seiner g√∂ttlichen Natur bergen, dass wir in unserer Trostlosigkeit so unersch√ľttert st√ľnden, uns mit nichts anderm zu helfen als allein mit dem Worte, das Christus sprach: ¬ĽVater, all dein Wille werde an mir vollbracht.¬ę
"Von guten Gaben"
Gottes Natur ist, dass er gibt, und sein Wesen h√§ngt daran, dass er uns gibt, wenn wir dem√ľtig sind. Sind wir das nicht, so empfangen wir auch nichts und tun ihm Gewalt an und t√∂ten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele.
"Von guten Gaben"
Und wisse in Wahrheit, ist dir mehr an deiner eigenen Ehre als an der eines andern gelegen, so ist es unrecht. Wisse, wenn du das deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn du nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit Gott, und tust gerade so wie wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man etwas sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust du: was du mit Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder was es auch sei; du suchst nichts, darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen sind lauter Nichts. Ich sage nicht, dass sie gering sind oder wenig sind: sie sind gar nichts. Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein h√§ngt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augenblick ab, sie w√ľrden zunichte. Ich sprach manchmal und so ist es auch: Wer die ganze Welt n√§hme und Gott dazu, der h√§tte nicht mehr als wenn er Gott allein h√§tte.
"Von guten Gaben"