node created 2019/09/29
Nicht den Tod sollte man f├╝rchten, sondern da├č man nie beginnen wird, zu leben.
"Selbstbetrachtungen"
Bedenke, dass du nicht gegen deine Freiheit handelst, wenn du deine Meinung ├Ąnderst und dem, der sie berichtigt, nachgibst. Denn auch dann vollzieht sich deine T├Ątigkeit nach deinem Willen und Urteil und sogar auch nach deinem Sinn.
"Selbstbetrachtungen"
Du mu├čt in dein ganzes Leben wie in jede einzelne Handlung Ordnung bringen, und wenn du dir bei allen Handlungen sagen kannst: Ich tat nach besten Kr├Ąften, so kannst du ruhig sein, und da├č du deine ganze Kraft einsetztest, daran kann dich niemand hindern. "Aber es kann sich von au├čen her ein Widerstand erheben?" Gewi├č keiner gegen ein gerechtes, besonnenes und ├╝berlegtes Handeln. Aber vielleicht tritt sonst etwas deiner T├Ątigkeit in den Weg? Doch l├Ąssest du dir nur jenes Hindernis gefallen und schreitest zu dem, was dir noch freisteht, mit ├ťberlegung fort, so tritt sogleich ein neuer Gegenstand der T├Ątigkeit an die Stelle und wird sich in die Lebensordnung f├╝gen, von der wir reden.
"Selbstbetrachtungen"
Habe jedesmal acht auf das, um was es sich handelt, auf das, was du denkst, was du bist, auf den Sinn der Worte, die du aussprichst. Sonst geschieht es dir eben recht. Du willst lieber morgen erst gut werden, als es heute schon sein.
"Selbstbetrachtungen"
Hast du schon einmal eine abgeschnittene Hand oder einen abgehauenen Fu├č oder Kopf, vom ├╝brigen K├Ârper getrennt, daliegen sehen? Gerade so nimmt sich derjenige aus, der ├╝ber sein Schicksal unwillig wird, sich von anderen absondert oder sich gemeinsch├Ądliche Handlungen erlaubt. Du hast dich so gewisserma├čen ausgesto├čen, von der naturgem├Ą├čen Einheit getrennt. Denn als ein Teil warst du ihr einverleibt und hast dich nun selbst davon abgesondert. Aber hier ist es noch bewundernswert, da├č du dich mit ihr von neuem vereinigen kannst. Diese M├Âglichkeit, nach Trennung und Verst├╝mmelung mit dem Ganzen wieder zusammenzukommen, hat Gott keinem andern Teil der Natur verliehen. Erw├Ąge doch die G├╝te, womit er den Menschen bevorzugt hat. Denn er hat beides in seine Hand gelegt, seine Lostrennung vom Ganzen gleich anfangs zu vermeiden, aber auch nach seiner Trennung sich wieder mit demselben zu vereinigen, sich von neuem ihm einzuverleiben und seine Stellung als Teil wieder einzunehmen.
"Selbstbetrachtungen"
Mag immerhin jemand kampfge├╝bter sein, nur sei er nicht menschliebender als du, nicht anspruchsloser, nicht ergebener bei allen Begegnissen, nicht nachsichtsvoller bei den Verirrungen seiner Nebenmenschen.
"Selbstbetrachtungen"
Ohne Anma├čung nimm an, ohne Bedauern gib hin!
"Selbstbetrachtungen"
Es ist ein Vorzug des Menschen, auch diejenigen zu lieben, die ihn beleidigen. Dahin gelangt man erst, wenn man bedenkt, da├č die Menschen mit uns eines Geschlechtes sind, da├č sie aus Unwissenheit und gegen ihren Willen fehlen, da├č ihr beide nach kurzer Zeit tot sein werdet, und vor allem, da├č dein Widersacher dich nicht besch├Ądigt hat. Denn er hat die in dir herrschende Vernunft doch nicht anders gemacht, als sie zuvor war.
"Selbstbetrachtungen"
Die Au├čendinge selbst ber├╝hren die Seele auf keinerlei Weise. Sie haben keinen Zugang zu ihr und k├Ânnen die Seele weder umstimmen noch irgendwie bewegen. Sie erteilt sich vielmehr selber allein Stimmung und Bewegung, und nach Ma├čgabe der Urteile, die sie ├╝ber ihre eigene W├╝rde f├Ąllt, sch├Ątzt sie auch die ├Ąu├čeren Gegenst├Ąnde h├Âher und niedriger.
"Selbstbetrachtungen"
Wie l├Ącherlich doch die Menschen verfahren! Ihren Zeitgenossen, mit denen sie zusammenleben, verweigern sie das Lob, sie selbst aber schlagen das Lob von seiten der Nachkommen hoch an. Diese sollen alsdann r├╝hmen, was sie weder kennen noch gesehen haben. Das ist aber fast ebenso, als wenn sich jemand dar├╝ber betr├╝ben wollte, da├č auch die Vorfahren auf ihn keine Lobreden gehalten haben.
"Selbstbetrachtungen"
Wenn ein Gegenstand der Au├čenwelt dich mi├čmutig macht, so ist es nicht jener, der dich beunruhigt, sondern vielmehr dein Urteil dar├╝ber; dieses aber sofort zu tilgen, steht in Deiner Macht. Hat aber die Mi├čstimmung in deinem Seelenzustande ihren Grund, wer hindert dich, deine Ansichten zu berichtigen? Desgleichen, wenn du dar├╝ber mi├čmutig bist, da├č du dich nicht in einem T├Ątigkeitskreise befindest, der dir als vern├╝nftig erscheint, warum nicht lieber t├Ątig als mi├čgestimmt sein? "Aber ein Hindernis, st├Ąrker als ich, stellt sich in den Weg." So sei dennoch nicht mi├čmutig; der Grund deiner Unt├Ątigkeit liegt ja dann nicht in dir. "Aber das Leben hat keinen Wert mehr f├╝r mich, wenn das nicht ausgef├╝hrt wird." Nun, so scheide aus dem Leben, so ruhig, als wenn du es vollbracht h├Ąttest; doch vergi├č nicht, deinen Widersachern zu verzeihen.
"Selbstbetrachtungen"
Ungehindert kannst du dein Leben in gr├Â├čter Seelenruhe hinbringen, wenn auch alle Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben, ja wenn selbst die wilden Tiere die schwachen Glieder dieser dich umh├╝llenden Fleischmasse zerrei├čen sollten. Denn was hindert deine denkende Seele, trotz alledem sich bei vollst├Ąndiger Heiterkeit zu erhalten, die Umst├Ąnde richtig zu beurteilen und die ihr dargebotenen Gelegenheiten erfolgreich zu benutzen? So sagt das Urteil zum Ereignis: Das bist du dem Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach anders erscheinst; und die Benutzung spricht zur Gelegenheit: Dich suchte ich eben; denn immer bietet mir die Gegenwart Stoff zur Aus├╝bung einer vern├╝nftigen und staatsb├╝rgerlichen Tugend und soll mir Anla├č geben, meine Pflicht gegen Gott und Menschen zu erf├╝llen. Steht ja doch jedes Begegnis im innigsten Bezug zu Gott oder zum Menschen und ist mithin nichts Unerh├Ârtes oder schwer zu Behandelndes, sondern vielmehr etwas Bekanntes und Leichtes.
"Selbstbetrachtungen"
Kehre einmal das Innere deines K├Ârpers um wie ein Kleid und schau, wie es inwendig beschaffen ist und was er sein wird, wenn Alter, Krankheit und Ausschweifung ihn aufreiben! Von kurzer Lebensdauer ist sowohl der, welcher lobt, als der, welcher gelobt wird, der, welcher eines andern gedenkt, und der, dessen gedacht wird. Und zudem nur in einem Winkel dieses Erdstriches geschieht es, und selbst hier stimmen nicht alle miteinander, ja der einzelne stimmt nicht einmal mit sich selbst ├╝berein. Nun ist aber die ganze Erde nur ein Punkt.
"Selbstbetrachtungen"
Ich verdiene es nicht, mich selbst zu betr├╝ben, da ich ja nicht einmal einen andern jemals geflissentlich betr├╝bt habe.
"Selbstbetrachtungen"
"Was w├╝nscht ihr?" fragte Sokrates, "vern├╝nftige Seelen zu haben oder unvern├╝nftige?" Vern├╝nftige. "Was f├╝r vern├╝nftige? Gesunde oder zerr├╝ttete?" Gesunde. "Warum strebt ihr denn nicht danach?" Weil wir sie schon haben. "Warum zankt ihr euch dann und veruneinigt euch?"
"Selbstbetrachtungen"
Alexander von Mazedonien und sein Maultiertreiber haben nach ihrem Tode dassselbe Schicksal erfahren. Denn entweder wurden sie in dieselben Lebenskeime der Welt aufgenommen oder der eine wie der andere unter die Atome zerstreut.
"Selbstbetrachtungen"
Arbeite an deinem Innern. Da ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du nur immer nachgr├Ąbst.
"Selbstbetrachtungen"
Kann mir jemand ├╝berzeugend dartun, da├č ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich's mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.
R├╝hrt ein ├ťbel von dir selbst her, warum tust du's? Kommt es etwa von einem andern, wem machst du Vorw├╝rfe? Etwa den Atomen oder den G├Âttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.
"Selbstbetrachtungen"
Jene Scharfsinnigen, jene Seher oder jene aufgeblasenen Leute - wo sind sie? [..] Alles Eintagsgesch├Âpfe und nun l├Ąngst schon tot. Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten; andere Namen aber wurden zur Fabel, andere wiederum sind bereits auch aus der Reihe dieser verschwunden. Denke also daran, da├č auch dein K├Ârpergewebe sich aufl├Âsen, dein Geist verl├Âschen oder fortwandern oder anderswohin sich versetzen lassen mu├č.
"Selbstbetrachtungen"