4 years ago in Zitate
Hier auf dem M├╝nsterplatz erlaubt sich der Wind so lustige Witze, da├č man dumm w├Ąre, wenn man nicht lachen w├╝rde. Und wenn ich hinausgehe, dann macht er mir meine ganze Frisur (an der ja ohnehin nicht viel ist) zuschanden. Da bekommst Du richtig Lust zum Springen und Mittun. Schade, da├č ich die Zeit nicht habe.

Hoffentlich kommt er auch zu Dir, der Wind, und holt Dich ein bi├čchen hinaus, da├č Du gar nicht mehr anders kannst als Dich freuen, am Wind und an Dir, weil Du es bist, an dem der Wind so herrliche Gef├╝hle ausl├Âst. Das kriegt er bestimmt fertig, pa├č einmal auf.

[..]

Wenn du eine Wut auf mich hast, dann hab sie ruhig, aber schrei sie dem Wind oder auch mir zu, und dr├╝ck sie nicht so in Dich hinein.
Brief an Fritz Hartnagel, 12.11.1940
 4 years ago in Zitate
Ich glaube, es ist schon ein Unterschied zwischen Vorbestimmen und Vorauswissen. Vorbestimmung l├Ąsst sich f├╝r mich viel schwerer, fast gar nicht eigentlich, mit dem freien Willen vereinbaren. Vorherwissen viel eher, obwohl es noch unbegreifliches Geheimnis bleibt. ├ťbrigens ist ÔÇ×VorherwissenÔÇť menschlich gesprochen, da Gott ja nicht an unsre Zeit gebunden ist, man m├╝sste die Vorsilbe ÔÇ×VorherÔÇť streichen und nur Wissen sagen.
12. Januar 1943
 4 years ago in Zitate
Die Pr├Ądestination und der freie Wille, diese beiden anscheinend nicht vereinbaren Gegens├Ątze ÔÇô jetzt machen sie mir eigentlich nicht mehr viele Schmerzen, obwohl ich sie so wenig erkl├Ąren kann wie vorher. Dass Gott allwissend ist, daran glaube ich, und die notwendige Folgerung daraus ist, dass er auch von jedem einzelnen wei├č, was nach der Zeit ist. Dies verlangt auch seine Eigenschaft als unendlicher Gott. Meinen freien Willen f├╝hle ich, wer kann ihn mir beweisen!
12. Januar 1943
 4 years ago in Zitate
Ich kann es nicht verstehen, wie heute ÔÇ×frommeÔÇť Leute f├╝rchten um die Existenz Gottes, weil die Menschen seine Spuren mit Schwert und sch├Ąndlichen Taten verfolgen. Als habe Gott nicht die Macht (ich sp├╝re, wie alles in seiner Hand liegt), die Macht. F├╝rchten blo├č muss man um die Existenz der Menschen, weil sie sich von Ihm abwenden, der ihr Leben ist.
9. August 1942
 4 years ago in Zitate
Viele Menschen glauben von unserer Zeit, dass sie die letzte sei. All die schrecklichen Zeichen k├Ânnten es glauben machen. Aber ist dieser Glaube nicht von nebens├Ąchlicher Bedeutung? Denn muss nicht jeder Mensch, einerlei in welcher Zeit er lebt, dauernd damit rechnen, im n├Ąchsten Augenblick von Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden? Wei├č ich denn, ob ich morgen fr├╝h noch lebe?
9. August 1942
 4 years ago in Zitate
Um ein mitleidiges Herz bitte ich, wie k├Ânnte ich sonst lieben? O, da ich in allem so seicht bin, muss ich alles erbitten. Ein Kind kann mitleiden, aber ich vergesse oft die Schmerzen, die mich doch erdr├╝cken m├╝ssten, die Schmerzen der Menschen. Und meine ohnm├Ąchtige Liebe lege ich in Deine Hand, damit sie m├Ąchtig wird.
6. August 1942
 4 years ago in Zitate
Hilf mir einf├Ąltig werden, bleibe bei mir, o, wenn ich einmal Vater sagen k├Ânnte zu Dir. Doch kann ich Dich kaum mit ÔÇ×DuÔÇť anreden. Ich tue es, in ein gro├čes Unbekanntes hinein, ich wei├č ja, dass Du mich annehmen willst, wenn ich aufrichtig bin, und mich h├Âren wirst, wenn ich mich an Dich klammere. Lehre mich beten. Lieber unertr├Ąglichen Schmerz als ein empfindungsloses Dahinleben. Lieber brennenden Durst, lieber will ich um Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen beten, als eine Leere zu f├╝hlen, eine Leere, und sie zu f├╝hlen ohne eigentliches Gef├╝hl. Ich m├Âchte mich aufb├Ąumen dagegen.
29. Juni 1942
 4 years ago in Zitate
Wei├čt du, bei diesen ├ťberlegungen ├╝ber den Hunger, der im Menschen ist, und f├╝r den Musik nichts anderes ist als die Luft f├╝r eine Flamme, nur noch zu hellerer Glut anfachend ÔÇô bei diesen ├ťberlegungen ist mir zum Bewusstsein gekommen, wie wir doch verhungern m├╝ssten, w├╝rde Gott uns nicht n├Ąhren: und dass es nicht nur der eine lange Faden ist, mit dem wir an Gott gekn├╝pft sind durch die Sch├Âpfung, wie es mir fr├╝her schien, wo ich noch nicht wusste, was ein Leben ist, zumal ein Menschenleben.
Januar 1942
 4 years ago in Zitate
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, l├Âst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung f├╝r das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart und verschlossenen Pforten vergeblich geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die T├╝ren der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich aus├╝bt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu ben├Âtige, so wenig h├Âre ich Musik um der Musik willen.
Januar 1942
 4 years ago in Zitate
Ich habe aber erfahren, dass ein harter Geist ohne ein weiches Herz ebenso unfruchtbar sein muss wie ein weiches Herz ohne einen harten Geist. Ich glaube, der Satz stammt von Maritain: Il faut avoir lÔÇÖesprit dur et le coeur tendre. Ein Wort, das von der Seele nicht erlebt wird, ist ein totes Wort, und ein Gef├╝hl, das nicht der Scho├č eines Gedankens ist, ist vergeblich.
Januar 1942
 4 years ago in Zitate
Wenn ich beten will und ├╝berlege mir, zu wem ich bete, da k├Ânnte ich ganz verr├╝ckt werden, da werde ich dann so winzig klein, ich f├╝rchte mich direkt, so dass kein anderes Gef├╝hl als das der Furcht aufkommen kann. ├ťberhaupt f├╝hle ich mich so ohnm├Ąchtig, und ich bin es wohl auch. Ich kann um nichts anderes beten, als um das Betenk├Ânnen. Wei├čt du, wenn ich Gott denke, da stehe ich da wie ganz mit Blindheit geschlagen, ich kann gar nichts tun. Ich habe keine, keine Ahnung von Gott, kein Verh├Ąltnis zu ihm. Nur eben, dass ich das wei├č. Und da hilft wohl nichts anderes als Beten. Beten.
Dezember 1941
 4 years ago in Zitate
Da verliert sich das Herz in dieser kleinen Unruhe und vergisst seinen gro├čen Heimweg. Unvorbereitet, an nichtige niedrige Spielereien hingegeben, k├Ânnte es von seiner Stunde ├╝berrascht werden, um kleiner Freuden willen die eine gro├če verkauft zu haben. Ich erkenne es, mein Herz erkennt es nicht. Es tr├Ąumt fort, unbelehrbar, von mir l├Ąstigen M├Ąchten eingewiegt, schwankend zwischen Lust und Traurigkeit. ÔÇŽ O, wenn mein Herz tausendmal an den Sch├Ątzen h├Ąngt, und sei es blo├č die Liebe zum s├╝├čen Leben, rei├č mich los, gegen meinen Willen, denn ich bin zu schwach, es zu tun, verg├Ąlle mir alle Freuden, la├č mich elend sein und Schmerzen f├╝hlen, bevor ich meine Seligkeit vertr├Ąume.
Herbst 1941
 4 years ago in Zitate
Im Kindergarten kenne ich mich nun schon eher aus, manche Kinder habe ich schon sehr liebgewonnen, und ich f├╝hle mich gl├╝cklich, wenn sie mir ihr Gunst schenken. Jetzt erst merke ich, wie oberfl├Ąchlich ich im Grunde mit Kindern umgehe. Es bedarf nicht nur des gegen├╝ber Kindern so schnell aufwallenden Gef├╝hls. Ich verstehe erst, welche grenzenlose Liebe man haben muss, zu allen Lebewesen, um diese unberechenbaren, oftmals b├Âsartigen, oft herzerquickenden kindlichen Seelen ├╝berhaupt behandeln zu k├Ânnen. Es gibt so wenige, die soviel Liebe besitzen. Aber auch zu ihr kann man gelangen.
8. Juli 1940
 4 years ago in Zitate
Du findest es sicher unweiblich, wie ich Dir schreibe. Es wirkt l├Ącherlich an einem M├Ądchen, wenn es sich um Politik k├╝mmert. Sie soll ihre weiblichen Gef├╝hle bestimmen lassen ├╝ber ihr Denken. Vor allem das Mitleid. Ich aber finde, dass zuerst das Denken kommt, und dass Gef├╝hle oft irreleiten, weil man ├╝ber dem Kleinen, das einen vielleicht unmittelbarer betrifft, vielleicht am eigenen Leib, das Gro├če kaum mehr sieht.
28. Juni 1940
 4 years ago in Zitate
Auf meinem Nachttisch stehen zwei Rosen. An die Stiele und das Blatt, die ins Wasser h├Ąngen, haben sich winzige Perlen gereiht. Wie sch├Ân und rein dies aussieht, welch k├╝hlen Gleichmut es ausstrahlt. Dass es dieses gibt. Dass der Wald so einfach weiter w├Ąchst, das Korn und die Blumen, dass Wasserstoff und Sauerstoff sich zusammengetan haben zu solch wunderbaren lauwarmen Sommerregentropfen. Manchmal kommt mir dies mit solcher Macht zu Bewusstsein, dass ich ganz voll davon bin und keinen Platz mehr habe auch nur f├╝r einen einzigen Gedanken. Dies alles gibt es, trotzdem sich der Mensch inmitten der ganzen Sch├Âpfung so unmenschlich und nicht einmal tierisch auff├╝hrt. Allein dies ist schon eine gro├če Gnade.
17. Juni 1940
 4 years ago in Zitate
Auch mir ist manchmal danach zu Mute, die Waffen zu strecken. Aber, allen Gewalten zum Trotz! Es geht ja im Leben immer auf und ab. Man muss nur warten k├Ânnen. Ich werde versuchen, mich nicht mit Tr├Ąumen zufrieden zu geben, mit Sch├Ângeistigkeit und noblen Gesten. Man darf heute nicht sehr weichherzig sein.
17. Juni 1940
 4 years ago in Zitate
Ich frage mich nur manchmal, ob wohl in fr├╝heren Jahrhunderten auch so oberfl├Ąchlich gedacht und gelebt wurde wie heute. Oder ob allm├Ąhlich, wenn die Zeit zu zur├╝cksinkt, auch ihr Schlechtes in den Hintergrund tritt und das Gute besonders hell leuchtet? Jedenfalls glaube ich, dass der Einzelne, wie der Ausgang auch sei, zu wachen hat, und erst recht dann, wenn ihm das schwer gemacht wird. Du glaubst doch auch, dass man niemals dies nach oben nivellieren kann, so erstrebenswert dies auch scheint. Wenn schon nivelliert wird, dann geschieht dies immer nach unten. Aber auch hier ist uns vom Schicksal eine gl├Ąnzende Gelegenheit geboten, uns zu bew├Ąhren. Vielleicht sollte man auch das nicht zu gering sch├Ątzen.
14. Juni 1940
 4 years ago in Zitate
Manchmal bin ich versucht, die Menschheit als eine Hautkrankheit der Erde zu betrachten. Aber nur manchmal, wenn ich sehr m├╝de bin, und die Menschen so gro├č vor mir stehen, die schlimmer als Tiere sind. Aber im Grunde kommt es ja nur darauf an, ob wir bestehen, ob wir uns halten k├Ânnen in der Masse, die nach nichts anderem als nach Nutzen trachtet. Denen, um ihr Ziel zu erreichen, jedes Mittel recht ist. Diese Masse ist so ├╝berw├Ąltigend, und man muss schon schlecht sein, um ├╝berhaupt am Leben zu bleiben. Wahrscheinlich hat es bisher nur ein Mensch fertig gebracht, ganz gerade den Weg zu Gott zu gehen. Aber wer sucht den heute noch?
29. Mai 1940
 4 years ago in Zitate
Wenn ich auch nicht viel von Politik verstehe, und auch nicht den Ehrgeiz habe, es zu tun, so habe ich doch ein bisschen ein Gef├╝hl, was Recht und Unrecht ist, denn dies hat ja mit Politik und Nationalit├Ąt nichts zu tun. Und ich k├Ânnte heulen, wie gemein die Menschen auch in der gro├čen Politik sind, wie sie ihren Bruder verraten um eines Vorteils willen vielleicht. K├Ânnte einem da nicht manchmal der Mut vergehen? Oft w├╝nsche ich mir nichts, als auf einer Robinson-Crusoe-Insel zu leben.
29. Mai 1940
 4 years ago in Zitate
Wie k├Ânnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert. ÔÇô Ich muss hier an eine Geschichte des Alten Testamentes denken, wo Mose Tag und Nacht, zu jeder Stunde, seine Arme zum Gebet erhob, um von Gott den Sieg zu erbitten. Und sobald er einmal seine Arme senkte, wandte sich die Gunst von seinem k├Ąmpfenden Volke ab. Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht m├╝de werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?
22. Mai 1940