9 years ago in Zitate
Kind, Kind, wenn du w├╝├čtest! Sie erz├Ąhlt von ihrer Hauswirtschaft in Wernigerode, von ihren H├╝hnern, vom Kirscheneinmachen, ja die Kirschenernte war besonders gut, doch leider gab es nicht so viel Zucker, wie man gebraucht h├Ątte. Aber man m├╝sse sich behelfen, es sei eben Krieg.

"Ja, es ist immer noch Krieg", nicke ich mechanisch und betrachte ihr h├╝bsches, von keiner Not ber├╝hrtes Gesicht. Ursula, denke ich, dir geht es besser als den meisten Frauen. Du hast ein sch├Ânes Haus, du hast einen t├╝chtigen Mann. Und er braucht nicht in die Bluth├Âlle. Er ist Ingenieur und darf daheim an zuverl├Ąssigen Maschinen stehen.

Ursula hat nach allen Himmelsrichtungen eine loyale Seele und seit ihrer Maidenzeit beim Arbeitsdienst einige hitlerianische Spritzflecken im Gem├╝t. Ach, ich habe mich jahrelang viel zuwenig um die gute Ursula gek├╝mmert. Wenn ich das nur noch einmal nachholen d├╝rfte! Sie ist wahrhaftig ein liebes Kind, und wenn sie jetzt denkt, wer im Gef├Ąngnis sitzt, der m├╝sse doch unrecht haben, so habe ich sie eben nicht zum geistigen Widerstand gegen diese Zeit erzogen.
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 120
 9 years ago in Zitate
Schon steige ich auf springende S├Ąulen der Vision. Ich sehe mich auf dem Lukendeckel des Panzers stehen. Um mich her wogt hungerndes, d├╝rstendes, sehnendes Volk. Und tausend H├Ąnde recken sich zum verh├╝llten Himmel. Ich will mit ihnen sein, ich will die abertausend H├Ąnde dr├╝cken, bis sie wachsen, immer l├Ąnger und l├Ąnger, immer h├Âher und h├Âher, bis sie in den Himmel reichen und den Vorhang zerrei├čen. Da umflie├čt es uns in goldner Helle: Frieden, Freiheit!

Eben noch blind und taub vom Strahl und Donner des Krieges, umarmen wir uns mit Kindertr├Ąumen im Herzen. Br├╝der, die Pforte steht uns offen, die Pforte zur Heimkehr in den Geist und die Liebe!

Unter mir aber, im Bauch der Maschine, knattern nicht mehr t├Âdliche Entz├╝ndungen, ich h├Âre den friedlichen Hammerschlag des neuen Schaffens, es riecht schon nach Brot und nicht mehr nach Brand. Und aus dem grauen Erz der Panzerw├Ąnde sprie├čen die Sonnenstrahlen und reifen zu gelben ├ähren. Und in den Armen halte ich die ewige Geliebte der Menschen, die niemals alternde Frau, die Freiheit!

Alle Geister erwachen, die Liebe siegt! Ich will nicht sterben, es ist eine Lust zu leben, und wenn in meinem Leibe tausend Zangen zerren!

Nichts mehr von feiger Selbstzerst├Ârung, ich gebe mir Befehl, ich gebe mir den unumst├Â├člichen Befehl: Du lebst, und du wirst leben! Roland Freisler, ich spotte deiner, du blutiger Hanswurst! Hinab in deine H├Âlle!

In unsern Panzern f├Ąhrt der neue Geist. Aus unsern Panzern flammt das lebendige Wort.
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 65
 9 years ago in Zitate
├ťbrigens ertappe ich mich in der Gefangenschaft immer h├Ąufiger beim Zitieren von Spr├╝chen und Versen aus dem Schatze der Kultur. Fr├╝her habe ich solchen Gedankenschmuck geflissentlich gemieden, sobald er in meinem Bewu├čtsein aufgl├Ąnzte und sich zur kostenlosen Benutzung anbot. Lieber m├╝hte ich mich um eigene Formung, auch wenn sie viel schw├Ąchlicher blieb. Aber jetzt in einsamer Drangsal begl├╝ckt mich das B├╝ndnis mit allen gro├čen Geistern, ich leihe mir gern die Hilfe der alten Authorit├Ąten. Man ist nicht mehr einsam, wenn man sich von den Meistern bekr├Ąftigen l├Ą├čt, da├č uns das gleiche Erlebnis vereint.
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 61
 9 years ago in Zitate
"Aber ich bitte Sie um alles in der Welt, sind Sie Politiker oder Irrenarzt?" ruft der Anwalt hilflos. "Deutschland ist doch schlie├člich kein Irrenhaus!"

"Es ist ein Irrenhaus", entgegnete ich mit Bestimmtheit. "Sie merken das nur nicht mehr, weil Sie im Prinzip bereitwillig mitspielen und nur bei kleinen, pers├Ânlich erlebten Einzelheiten mit Vernunftkritik zu meckern wagen. Aber das geht nicht nur Ihnen so. Jede Massenpsychose vernichtet allm├Ąhlich das normale Urteil."
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 52
 9 years ago in Zitate
Zerkn├╝llte Fu├čg├Ąnger schauen einen Augenblick forschend der sausenden Plumpheit unserer "gr├╝nen Minna" nach; sie m├Âgen wohl denken: was f├╝r eine geheime Fracht haben die Nazis da schon wieder geladen? Von besch├Ądigten Heldenbr├╝sten blinkt das Parteiemaille, das bunte Tarnungspflaster f├╝r alles. Diese geduckten Parteimannen auf den verunstalteten Stra├čen scheinen verzweifelt zu fragen: Was werden die Nazis schon wieder machen? - obwohl sie selber seit zw├Âlf Jahren Nazis sind.

Ja, ich beobachte scharf und schnell, weil ich monatelang nichts sah als die grauen W├Ąnde, auf denen nur die Wanzen spazieren liefen.
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 13