node created 2019/09/29
Objektivit├Ąt ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Ma├čgebend f├╝r das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt. Die Forderung nach Richtigkeit geht nicht, wie bei der Nachricht, aus ihrem Wesen hervor: Sie wird von au├čen an sie herangetragen, ja, genaugenommen kann eine Story gar nicht richtig sein, sondern h├Âchstens die in ihr verarbeiteten Details.

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Der Story-Schreiber bleibt grunds├Ątzlich anonym, er legt die Karten nicht auf den Tisch, er arbeitet aus dem Unsichtbaren. Das r├╝hrt nicht von seiner pers├Ânlichen Bosheit, sondern von den Gesetzen seiner Form her, die eine ├Ąsthetische Form ist. Story ist Fiktion: dementsprechend mu├č sich ihr Verfasser als Erz├Ąhler auff├╝hren, als allgegenw├Ąrtiger D├Ąmon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur je ein Cervantes ins Herz des Don Quichotte, ins Herz seines Helden blicken kann. W├Ąhrend aber Don Quichotte von Cervantes abh├Ąngt, ist der Journalist der Wirklichkeit ausgeliefert. Deshalb ist sein Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipr├Ąsenz angema├čt. Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschm├Ąht, und der h├Âheren Wahrheit der echten Erz├Ąhlung, die ihm verschlossen bleibt, mu├č er sich durchmogeln. Er mu├č die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren, aber er darf es nicht zugeben, nicht Farbe bekennen, sich keine Bl├Â├če geben. Eine verzweifelte Position. Um sie zu halten, sieht sich der Story-Schreiber gezwungen, zu retuschieren, zwischen den Zeilen zu schreiben.
Geschichte wird von Menschen gemacht, aber nicht von prominenten Individuen, von fetisch├Ąhnlichen Figuren, denen abzugucken w├Ąre, wie sie sich r├Ąuspern und wie sie spucken...
Eine echte Nachricht hat eine genau angebbare Quelle; nicht umsonst wird sie in keiner Zeitung wiedergegeben, ohne da├č diese Quelle, da├č Zeit und Ort ihrer Entstehung angegeben w├╝rden. Nachrichten sind f├╝r Unterhaltungszwecke im allgemeinen ungeeignet, sie sind kein Genu├č-, sondern ein Orientierungsmittel.
Was den SPIEGEL angeht, so ├╝bersetzt auch er, aber nicht in einfaches Deutsch, sondern in die Masche. Ich pfl├╝cke aufs Geratewohl einige Bl├╝ten:

Bei der Schlu├čfeier der XVI. Olympischen Sommerspiele schickten die australischen Salutsch├╝tzen dem Muskelkrieg von Melbourne ein martialisches Echo nach. Die Artilleristen Ihrer Majest├Ąt der englischen K├Ânigin lieferten den aktuellen kriegerischen Kulissendonner zu jenem olympischen Schauspiel, das inmitten einer sehr unfriedlichen Welt zum schlechten St├╝ck geworden war Sie kanonierten die wie einen Zylinderhut aufgest├╝lpte Schlu├čfeier-Stimmung und alle preisenden Reden von der Gleichheit und Br├╝derlichkeit unter Sportsleuten zu eitel Schall und Rauch.

Einfaches Deutsch?

W├╝nschen Sie eine detaillierte Analyse? Entfetten wir versuchsweise den Text, massieren wir die geschwollenen Redensarten weg, reduzieren wir die Posen der Syntax, so bleibt kaum mehr ├╝brig als eine Zeile:

Bei der Schlu├čfeier der Olympiade wurde Salut geschossen. Das hat uns mi├čfallen.

H├Ątte der SPIEGEL sich so ausgedr├╝ckt, der Leser, der vielbesch├Ąftigte Mann, h├Ątte nicht nur neun Zeilen ├╝berfl├╝ssiger Lekt├╝re gespart, er h├Ątte auch einen klareren Kopf behalten. Au├čerdem k├Ânnte er die Nachricht von ihrer Auslegung unterscheiden, die mit Hilfe der Masche hoffnungslos miteinander vermanscht werden.
Der Leser, von dem Sie sprechen, ist eine mythologische Figur, wie das Lieschen M├╝ller des deutschen Films. Eine Figur, die freilich sehr real ist. Aber dieser Leser ist kein Naturereignis: er wird gez├╝chtet.