node created 2019/09/29
Verglichen mit der Irrsinnswelt der Konzentrationslagergesellschaft selbst, die von der Phantasie nie ganz erreicht werden kann, weil sie au├čerhalb von Leben und Tod steht, ist der Proze├č, durch den Menschen auf sie pr├Ąpariert und gleichsam zugerichtet werden, einsichtig und zweckvoll. Den Ansto├č und, was mehr ist, die schweigende Billigung solch unerh├Ârter Zust├Ąnde in der Mitte Europas haben jene Ereignisse erzeugt, welche in einer Periode untergehender politischer Formen pl├Âtzlich Hunderttausende und dann Millionen von Menschen heimatlos, staatenlos, rechtlos machten, wirtschaftlich ├╝berfl├╝ssig und sozial unerw├╝nscht. An ihnen hatte sich bereits erwiesen, da├č die Menschenrechte, welche ohnehin weder philosophisch begr├╝ndet noch politisch je gesichert gewesen waren, auch ihre rein proklamatorische, appellierende Wirkung verloren und in ihrer traditionellen Form zumindest nirgends mehr Geltung hatten. Dies aber sind nur die negativen Vorbedingungen; schlie├člich war der Verlust des Arbeitsplatzes und damit des angestammten Platzes in der Gesellschaft, wie die Arbeitslosigkeit ihn mit sich gebracht hatte, oder der bei den Staatenlosen eingetrene Verlust von Pa├č, Heimat, gesicherten Aufenthalt und Recht auf Erwerb nur eine sehr vorl├Ąufige, summarische Vorbereitung, die f├╝r das Endresultat schwerlich ausgereicht h├Ątte.

Der erste entscheidende Schritt auf dem Wege zur totalen Herrschafft ist nichtsdestoweniger die T├Âtung der juristischen Person, die im Falle der Staatenlosigkeit automatisch dadurch erfolgt, da├č der Staatenlose au├čerhalb allen geltenden Rechts zu stehen kommt. Im Falle der totalen Herrschaft wird aus dieser automatischen T├Âtung ein geplanter Mord, der dadurch eintritt, da├č die Konzentrationslager immer au├čerhalb des Strafvollzugs gestellt werden und die Insassen niemals "zur Ahndung von strafbaren oder sonst verwerflichen Taten" eingeliefert werden d├╝rfen. [Siehe Maunz, op. cit. p. 50.] Unter allen Umst├Ąnden achtet die totale Herrschaft darauf, in den Lagern Menschen zu versammeln, die nur noch sind - Juden, Bazillentr├Ąger, Exponenten absterbender Klassen - , aber ihre F├Ąhigkeit zu handeln, zur Tat wie zur Missetat, bereits verloren haben.
"Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft", S. 655
Verbrecher geh├Âren eigentlich nicht in das Konzentrationslager. Da├č sie dennoch eine permanente Kategorie in allen Lagern bilden, ist vom Standpunkt des totalen Herrschaftsapparats aus gesehen eine Art Konzession an die Vorurteile der Gesellschaft, die man auf diese Weise am leichtesten an die Existenz der Lager gew├Âhnen kann.
"Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft", S. 657
Es ist nicht so sehr der Stacheldraht wie die fabrizierte und kunstvoll hergestellte Unwirklichkeit derer, die er einz├Ąunt, welche zu so ungeheuerlichen Grausamkeiten provoziert und die Vernichtung schlie├člich als eine durchaus normale Ma├čnahme erscheinen l├Ą├čt. Nichts von dem, was sich in den Lagern abgespielt hat, ist uns unbekannt aus perversen und b├Âsartigen Phantasiewelten. Was so schwer zu verstehen ist, ist gerade der Umstand, da├č diese grausigen Verwirklichungen sich nicht weniger in einer Phantomwelt abspielen als jene Phantasien, in einer Welt n├Ąmlich, in der es weder Konsequenzen noch Verantwortungen gibt, so da├č schlie├člich weder Peiniger noch Gepeinigte und am wenigsten Au├čenstehende begreifen k├Ânnen, da├č es sich um mehr handelt als ein grausames Spiel oder einen dummen Traum.

Die Filme, die die Allierten nach Kriegsende in Deutschland und im Ausland liefen lie├čen, haben nur zu deutlich erwiesen, da├č der Irrsinns- und Irrealit├Ątscharakter der photographierten Begebenheiten aller reinen Reportage standh├Ąlt. F├╝r den unbefangenen Zuschauer kommt ihnen etwas soviel ├ťberzeugungskraft zu wie den Photographien mysteri├Âser Substanzen in spiritistischen Sitzungen. [160] Der gesunde Menschenverstand reagierte auf die Greuel von Buchenwald oder Auschwitz mit dem plausiblen Argument: "Was m├╝ssen die Leute nur angestellt haben, da├č dies mit ihnen geschah?" Oder, in Deutschland und ├ľsterreich inmitten der Hungersnot, der ├ťberbev├Âlkerung und des allgemeinen Hasses: "Wie schade, dass man nicht mehr Juden vergast hat!" Oder ├╝berall mit dem Kopfsch├╝tteln des Mi├čtrauens genen einen besonders unwirksamen Propagandatrick.

[Fu├čnote 160: Es ist nicht unwichtig, sich klarzumachen, da├č alle Aufnahmen von Konzentrationslagern insofern irref├╝hrend sind, als sie Lager im letzten Stadium zeigen, im Moment des Einmarsches der allierten Truppen. Vernichtungslager gab es in Deutschland selbst nicht, und alle Vergasungsanlagen waren zu diesem Zeitpunkt bereits demontiert. Andererseits ist gerade das, was auf die Allierten so emp├Ârend wirkte und das Grauen der Filme ausmacht, n├Ąmlich die zu Skeletten abgemagerten Menschen, f├╝r die deutschen Konzentrationslager nicht typisch gewesen; Vernichtungen wurden systematisch durch Gas, nicht durch Verhungern betrieben. Der Zustand der Lager war eine Folge der Kriegsereignisse in den letzten Monaten: Himmler hatte die Evakuierung aller Vernichtungslager im Osten angeordnet, die deutschen Lager dadurch au├čerordentlich ├╝berlastet, und er war nicht mehr in der Lage, die Ern├Ąhrung innerhalb Deutschlands selbst sicherzustellen.]

Wenn die Propaganda der Wahrheit ihrer Ungeheuerlichkeit wegen den noch normalen Spie├čb├╝rger nicht ├╝berzeugt, so hat sie eine desto gef├Ąhrlichere Wirkung auf diejenigen, welche aus ihren eigenen Phantasiem├Âglichkeiten wissen, da├č sie so etwas tun k├Ânnten, und aus diesem Grunde nur zu froh sind, an die Realit├Ąt des Gezeigten zu glauben. Urpl├Âtzlich stellt sich heraus, da├č, was die menschliche Phantasie seit Jahrtausenden in ein Reich jenseits menschlicher Kompetenz verbannt hat hatte, tats├Ąchlich herstellbar ist. H├Âlle und Fegefeuer und selbst ein Abglanz ihrer ewigen Dauer k├Ânnen errichtet werden, indem man Menschen mit den modernsten Mitteln der Destruktion und der Heilkunst unendlich lange sterben l├Ą├čt. Was diesen Typen, von denen es in jeder Gro├čstadt sehr viel mehr gibt, als wir gerne wahrhaben m├Âchten, beim Anblick dieser Filme oder beim Lesen jener Reportagen aufgeht, ist, da├č die Macht des Menschen gr├Â├čer ist, als sie sich einzugestehen wagten, und da├č man h├Âllische Phantasien realisieren kann, ohne da├č der Himmel einst├╝rzt und die Erde sich auftut.
"Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft", S. 653 f.
Dennoch darf das Element des Verbrechers in keinem Konzentrationslager fehlen. [..] die Tatsache, da├č sie fast ausnahmslos die Aristokratie der Lager bildeten und die administrativen Funktionen erf├╝llten, zeigt deutlich, da├č es erheblich schwerer ist, die juristische Person in einem Menschen zu t├Âten, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, als einem v├Âllig Unschuldigen. Der Aufstieg des Verbrechers in die Aristokratie der Lager ├Ąhnelt auffallend der Verbesserung, die in der juristischen Lage der Staatenlosen, welche ja auch ihre b├╝rgerlichen Rechte verloren haben, eintritt, sobald sie sich zu einem Diebstahl entschlie├čen.
"Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft", S. 656
Zu dem Amalgam von Politischen und Verbrechern, mit dem in Deutschland wie in Ru├čland die Konzentrationslager begannen, f├╝gt sich sehr bald ein drittes Element, das bald die Majorit├Ąt aller Insassen bilden sollte. Diese gr├Â├čte Gruppe bestand aus Menschen, die ├╝berhaupt nichts getan haben, was, sei es in ihrem eigenen Bewu├čtsein oder im Bewu├čtsein ihrer Peiniger, in irgendeinem rationalen Zusammenhang mit ihrer Haft steht. Ohne sie h├Ątten die Lager niemals existieren beziehungsweise die ersten Jahre des Regimes ├╝berleben k├Ânnen.

[..]

Diese in jedem Sinne vollkommen Unschuldigen bilden nicht nur die Majorit├Ąt der Lagerbev├Âlkerung, sie sind auch diejenigen, die schlie├člich in den deutschen Gaskammern "ausgemerzt" wurden. Nur in ihnen konnte der Mord der juristischen Person so vollst├Ąndig durchgef├╝hrt werden, da├č sie ohne Namen und ohne Taten oder Missetaten, an denen man sie h├Ątte erkennen k├Ânnen, in den Massenfabriken des Todes "verarbeitet" werden konnten, die zudem schon ihrer Fassungskraft wegen individuelle F├Ąlle gar nicht mehr ber├╝cksichtigen konnten. (Ein Jude etwa, der sich wirklich gegen das Naziregime "vergangen" hatte, kam dort gar nicht erst hinein, er wurde sofort erschossen oder totgeschlagen.) Die Gaskammern waren von vornherein weder als Abschreckungs- noch als Strafma├čnahme gedacht; sie waren bestimmt f├╝r Juden oder Zigeuner oder Polen "├╝berhaupt", und sie dienten letztlich dem Beweis, da├č Menschen ├╝berhaupt ├╝berfl├╝ssig sind.

[..]

W├Ąhrend die Einteilung der Insassen in Kategorien nur eine taktisch-organisatorische Ma├čnahme f├╝r die Verwaltung der Lager ist, zeigt die Willk├╝r der Einlieferungen das wesentliche Prinzip der Institution als solcher an. Die Existenz einer politischen Opposition ist f├╝r das Konzentrationslagersystem nur ein Vorwand, und sein Zweck ist nicht erreicht, wenn infolge ungeheuerlichster Abschreckung die Bev├Âlkerung sich mehr oder minder freiwillig gleichschaltet, da├č hei├čt ihrer politischen Rechte begibt. Die Willk├╝r bezweckt die b├╝rgerliche Entrechtung aller von einem totalit├Ąren Regime Beherrschten, die schlie├člich in ihrem eigenen Land so vogelfrei werden wie sonst nur Staaten- und Heimatlose. Die Entrechtung des Menschen, die T├Âtung der juristischen Person in ihm ist die Vorbedingung f├╝r sein totales Beherrschtsein, dem selbst freie Zustimmung hinderlich ist [Damit h├Ąngt zusammen, da├č jede Propaganda und "Weltanschauungslehre" in den Lagern ausdr├╝cklich verboten waren. (Siehe Himmler, *Wesen und Aufgabe der SS und der Polizei*.) Hiermit wiederum mu├č man zusammenhalten, da├č Lehre und Propaganda auch f├╝r die bewachenden Eliteformationen nicht zugelassen waren; ihre Weltanschauung sollte nicht "gelehrt", sondern "exerziert" werden (Robert Ley, op. cit.)]. Und dies gilt nicht nur von speziellen Kategorien wie Verbrechern, politischen Gegnern, Juden, an denen die Sache ausprobiert wird, sondern von jedem Einwohner eines totalit├Ąren Staates.
"Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft", S. 658 ff.